Dresden: Beginn einer wunderbaren Freundschaft
Die Chefetage des deutschen Fernsehens hat ein kleines Problem. Irgendwie möchte man ja seinem volkspädagogisch menschelnden Auftrag nachkommen und – wir schreiben die frühen 1990er Jahre – die private Entspannungspolitik zwischen den frisch wiedervereinigten Brüdern und Schwestern vorantreiben. Und es gibt sogar schon eine Idee: Die mysteriöse Existenzweise der Neu-Bundesbürger soll den alten mittels einer schmissig-aufklärerischen Fernsehserie nahegebracht werden.
Suboptimal nur, dass weder irgendein Sendeanstaltsmitglied noch der schöngeistige Romanerfolgsschriftsteller Anton Steinheim, den man aufs Drehbuch anzusetzen gedenkt, sich unmittelbar als Aufklärer empfehlen: Keiner kennt aus eigener Anschauung einen Ostler. Also schlägt die Stunde der Familie Grimm aus dem (prä-gentrifizierten) Prenzlauer Berg, die sich als gut bezahltes Untersuchungsobjekt zur Verfügung stellt.
Und weil man – universelle zwischenmenschliche Weisheit – einander gar keine beruhigendere Freude machen kann, als mit Grandezza sämtliche Klischees und Vorurteile zu bestätigen, die man wechselseitig so im Kopf hat, beginnen die Grimms, ihr vergleichsweise sensationsfreies Dasein vorm Autor Steinheim ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2018
Rubrik: Chronik, Seite 63
von Christine Wahl
Keine schöne neue Welt, nirgends: Die zweite Wiesbaden Biennale entwirft die Topografie einer Dystopie. In den prächtigen Kitsch des neobarocken Foyers vom Hessischen Staatstheater ist die Filiale einer Supermarktkette eingezogen, in das pannesamtene Große Haus mit seinen Glaslüstern ein Parkhaus, ins Untergeschoss ein Pornokino. Werbeplakate schmücken den...
Verschreckt treten sie auf die Bühne, die Schauspielerinnen und Schauspieler in ihren schaumstoffgefüllten Fatsuits mit den angehefteten Geschlechtsorganen. Ein Hofstaat zum Abgewöhnen: übergewichtig und uniform; Monster, zu allem bereit. Mit an Bord sind für diesen «Macbeth» in Weimar Corinna Harfouch und Susanne Wolff, die sich Titelrolle und Lady Macbeth...
Man vergisst gern, dass «Der Kaufmann von Venedig» eigentlich eine Komödie ist. Der Handlungsstrang um die reiche Portia, die mittels Kästchenspiel einen geeigneten Mann sucht, könnte aus dem Märchenbuch stammen. Und das aberwitzige Leihgeschäft zwischen Antonio und Shylock, in dem ein Pfund Menschenfleisch als Pfand dient und ein falscher Winkeladvokat am Ende...
