Die neue Hauptsache
Jeder Juror des Berliner Theatertreffens ist eigentlich eine tragische Figur. Denn immer macht er oder sie viel mehr Menschen unglücklich als glücklich: enttäuschte Künstler, zornige Lokalpatrioten, die nicht verstehen, warum ihr Theater wieder nicht eingeladen wurde, Kollegen und Kommentarspaltenschreiber, die sich die Haare über die Auswahl raufen. Jedes Jahr produziert die Bekanntgabe von zehn Inszenierungen tausende Male das Gefühl, das Ergebnis sei doch ungerecht. Und dem kann niemand ernsthaft widersprechen.
Es ist nicht gerecht, dass fast immer die großen und reichen Häuser unter sich bleiben. Es ist nicht gerecht, wenn zu einer außergewöhnlichen kleinen Produktion in einem mittleren Stadttheater nur ein Juror des Gremiums anreist. Und alles andere ist auch nicht gerecht. Weil es nicht gerecht sein kann. Vermutlich nicht einmal fair, selbst wenn jeder der sieben Jurorinnen und Juroren sich garantiert aufs Gewissenhafteste darum bemüht, sich die Hacken abreist und mit größter Energie und Kompromissbereitschaft für eine wirklich überzeugende Auswahl kämpft, mit der sich die interessantesten Impulse des deutschsprachigen Gegenwartstheaters abbilden lassen.
Alle wollen es so
Dies ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2015
Rubrik: Theatertreffen Berlin, Seite 34
von Till Briegleb
Es ist nur ein Katzensprung vom Wiener Burgtheater am prachtvollen Universitätsring zur nicht weniger prachtvollen Votivkirche am Rooseveltplatz, die im Dezember 2012 von einer Gruppe von Asylbewerbern besetzt wurde. Von hier aus führten sie ihren Kampf um Anerkennung und gegen Abschiebung – ein größtenteils erfolgloser Kampf. Elfriede Jelinek nahm das «Refugee...
Auen und Wiesen, Paddelboote mit bemützten Männern schlagen kleine Wellen in das ruhige Wasser, die «Weiße Flotte» bringt Eltern mit ihren Kindern in frisch gestrichenen Schiffen an verträumte Orte mit Ausflugslokalen und ganzjährig genutzten Campingplätzen.
Beschaulich, behaglich oder gar betulich sind nicht die üblichen Adjektive für die neue Dramatik, und somit...
TH Bei der letzten Sitzung der Theatertreffen-Jury kommt die Wahrheit auf den Tisch. Große Dramen, ästhetische Treueschwüre, umkämpfte Seitenwechsel, knappe Entscheidungen. Wie war es in diesem Jahr? Wie viele Stunden wurde gerungen?
Peter Laudenbach Die letzte Sitzung war erschreckend harmonisch.
Stephan Reuter Wir haben uns fast nicht gestritten.
Laudenbach Obwoh...
