Franzobel: «Das Floß der Medusa», Paul Zsolnay Verlag Wien 2017, 591 Seiten, 26 Euro
Die letzten Tage der Menschheit
Das Floß der Medusa ist eine acht mal 20 Meter große Projektionsfläche, auf der die ganze Menschheit Platz hat. Als das Floß am 18. Juli 1816 vor Westafrika im Atlantik entdeckt wurde, befanden sich darauf fünfzehn Schiffbrüchige, die dreizehn Tage lang mit viel zu wenig Wasser und Proviant auf offener See überlebt hatten. Noch schauerlicher als diese Vorstellung ist eine andere Zahl: 147 Menschen waren ursprünglich auf dem Floß gewesen, und die hoffnungslose Zwangsgemeinschaft hatte sich nicht nur durch natürlichen Tod dezimiert.
Manche stürzten sich freiwillig ins Meer, andere wurden hineingestoßen; etliche starben im Zuge von Raufhändeln, andere wurden regelrecht exekutiert. Auf dem Floß der Medusa galt das Recht des Stärkeren, zivilisatorische Tabus waren außer Kraft gesetzt; irgendwann begannen die Passagiere damit, das Fleisch der Toten zu essen. Die fünfzehn Männer, die auf dem Floß angetroffen wurden, hatten zwar ihr nacktes Leben gerettet, waren dabei aber zu Mördern und Kannibalen geworden.
In Géricaults großformatigem Gemälde «Das Floß der Medusa» wurde der dramatische Seenotfall bereits 1819 erstmals künstlerisch verarbeitet, Hans Werner Henze komponierte 1968 sein ...
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Theater heute Dezember 2017
Rubrik: Bücher (12 17), Seite 52
von Wolfgang Kralicek
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