Das Theater wird frei

Eine Chronik der Kulturproteste in Belarus aus Theaterperspektive

Theater heute

Welche Rolle hat das Theater bei den politischen Protesten in Weißrussland gespielt? 26 Jahre lang hat Lukaschenko auf der Grundlage eines unausgesprochenen Kompromisses regiert: Er gab Stabilität, aber niemand war politisch aktiv. Es gab keine Reformen in Belarus, niedrige, aber stabile Gehälter, kaum Kriminalität – aber alle Wahlen waren intransparent, politische Parteien wurden nicht registriert, und jede Anstrengung politischer Aktivisten wurde rigoros unterdrückt. Entsprechend war das belarussische Theater in seiner Mehrheit immer unpolitisch.

Natürlich hat sich das Freie Theater immer aktiv an politischen Aktionen beteiligt und Stücke über die Verbrechen des Lukaschenko-Regimes aufgeführt, doch das war die Ausnahme. Das übrige belarussische Theater hielt sich an die Regeln des Kompromisses.

In diesem Sommer hat sich alles geändert. Die Gesellschaft hat das Gefühl von Stabilität und Sicherheit verloren, während Lukaschenko versucht, die öffentliche Empörung mit Gewalt zu unterdrücken. In dieser plötzlich politisierten Gesellschaft gibt es kein einziges unpolitisches Theater mehr.

Viele sagen, dass alles mit dem Coronavirus begann. Lukaschenko wandte sich gegen die Quarantäne, weil sie schlecht für die Wirtschaft sei. Zufällig war es ein Schauspieler, der als erster Weißrusse am Coronavirus starb. Viktor Daschkewitsch, Jahrgang 1940, ein angesehener Schauspieler am Vitebsker Nationaltheater, hatte trotz seines Alters im normalen Modus weitergearbeitet und war krank geworden. Der Präsident äußerte sich respektlos zu Daschkewitschs Tod: «Was hast du mit fast 80 Jahren draußen auf der Straße, geschweige denn auf der Arbeit zu suchen?» Das ganze Land empfand dies als Skandal. Am Tag nach dem Tod des Schauspielers wurden die Aufführungen sofort im ganzen Land nicht mehr gezeigt, obwohl offiziell keine Quarantäne verhängt worden war.

Im Mai kündigte der Chef der Belgazprombank, Viktor Babariko, seinen Einstieg in den Präsidentschaftswahlkampf an. In der Theaterwelt ist er bekannt als Sponsor des Festivals «TEART» (in Minsk wurden Thomas Ostermeiers «Volksfeind» und «Bodenprobe Kasachstan» von Rimini Protokoll gezeigt) und als Gründer der freien Bühne Ok16, die viele unabhängige Theaterprojekte zeigte.

Theaterfreund als Gegenkandidat

Als Babariko am 18. Juni vom KGB wegen angeblicher Wirtschaftsverbrechen beschuldigt und inhaftiert wurde, begannen Theaterleute, sich öffentlich zu äußern. In sozialen Netzwerken fügten viele Akteure ihren Profilbildern Herzen hinzu, das Logo von Babarikos Wahlkampf. Ein offener Brief wurde publiziert, der auch vom berühmten sowjetischen Dramatiker Alexej Dudarew und von Nikolai Pinigin vom nach dem weißrussischen Dramatiker Yanka Kupala (1882–1942) benannten Nationaltheater in Minsk unterzeichnet wurde.

Am 2. Juli veröffentlichten die Schauspielerinnen Polina Dobrowolskaja und Anastasia Schpakowskaja ein Video, in dem sie faire Wahlen und die Freilassung politischer Gefangener fordern. So begann das Projekt #kultprotest. Heute posten mehr als tausend Teilnehmer des «Kultprotest»-Chatrooms und versuchen, koordiniert auf den stürmischen Zeitplan der belarussischen Straßenproteste zu reagieren. Am 27. August wurde bekannt, dass Schpakowskaja mit ihrer Familie aus Angst um ihre Sicherheit das Land verlassen hat.

Nach den Wahlen am 9. August wurden die Protestaktionen brutal unterdrückt. Viele Theater riefen öffentlich dazu auf, die Gewalt zu beenden, und kündigten einen Spielstopp an.

Eine der Protestveranstaltungen hatte die Massenentlassung der besten Künstler des Nationaltheaters Yanka Kupala zufolge. Das Theater hatte eine Videobotschaft aufgezeichnet, die dazu aufrief, die Gewalt zu beenden. Das Kultusministerium forderte darauf die Direktion auf, die politischen Aktivitäten der Mitarbeiter von Kultureinrichtungen einzustellen. Intendant Pawel Latuschko gab eine öffentliche Erklärung ab, in der er die Kultusbeamten verurteilte, und wurde am nächsten Tag entlassen. Seine Schauspieler drohten, mit ihm zu gehen. Lukaschenko erklärte öffentlich, da die Theaterleute Freiheit und den Markt wollten, sollten sie doch ihr eigenes Geld verdienen. Dann wurden auch diese Künstler entlassen. Tausende Weißrussen, einschließlich der Kollegen von anderen Theatern, unterstützen die Kupala-Belegschaft. «Ein weiteres Theater ist frei geworden», wurde die Nachricht in den sozialen Netzwerken kommentiert.

Pawel Latuschko trat dem Koordinierungsrat der belarussischen Opposition bei, dem auch Nobelpreisträgerin Swetlana Alexejewitsch und Maria Kalesnikowa, die ehemalige Direktorin des unabhängigen Theaterraums Ok16, angehö­ren. Inzwischen musste er das Land verlassen, weil ihm mit Strafverfolgung gedroht wurde. Die gefeuerten Schauspieler des Kupala-Theaters proben derweil Yanka Kupalas Kultstück «Tuteischja» («Lokal»). Jetzt, am 15. September, ist es unmöglich vorherzusagen, wie sich die Dinge entwickeln werden. Jeden Tag geschieht etwas, das die Situation in jede Richtung verändern kann. Wie auch immer das Ende der Proteste aussehen mag, eine Rückkehr in die unpolitische Vergangenheit ist bereits jetzt unmöglich.

Alexej Strelnicov
ist Autor, Dramaturg und Journalist.
Er lebt in Minsk.


Theater heute Oktober 2020
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Alexej Strelnicov