Chemnitz ohne Schauspielhaus?

Rekonstruktion einer Debatte mit offenem Ende

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Zumindest einer dürfte sich über die Aufregung gefreut haben. Detlef Müller, Mitglied des Chemnitzer Stadtrats für die SPD und ehemaliger Bundestagsabgeordneter, der sein Direktmandat an die AfD verloren hat, hatte einen Coup gelandet und seine Stadt ein Jahr nach der Kulturhauptstadt wieder in den kulturpolitischen Diskurs gebracht, allerdings eher destruktiv.

«Das wahre Gesicht der Kulturhauptstädter», giftete die «FAZ», und die Spartenleitungen des Theater sahen sich zu einer öffentlichen Stellungnahme genötigt: «Mit Fassungslosigkeit und Empörung haben wir den Vorschlag von Teilen des Stadtrates zur Kenntnis genommen, für alle fünf Sparten des Chemnitzer Theaters nur noch die Bühne des Opern -hauses vorzusehen und künftig gar kein Schauspielhaus mehr in Chemnitz zu unterhalten. […] Es würde mindestens die Hal -bierung des künstlerischen Angebots darstellen.»

Mehr drohende Empörung geht nicht, weitere sachliche Gründe wie Akustik, Sichtlinien oder der Bestand des Weihnachtsmärchen waren da fast zweitrangig. Klar war aber, ein solches Projekt würde alle Sparten hart treffen. Generalintendant Christoph Dittrich führte hektische Gespräche, und ganz Deutschland fragte sich, was denn da los sein in der alten Industriestadt im tiefsten Sachsen. Mag der Chemnitzer Stadtrat sein Theater nicht mehr?

«Damit wir die Theater langfristig stabil aufstellen, schlagen wir vor, das Opernhaus so zu sanieren, dass es künftig für Oper, Musical und Schauspiel genutzt werden kann», das war die Bombe, die SPD-Mann Müller zuvor platzen ließ. Dass das Opernhaus aktuell neben dem Opern-, Ballett- und Konzertbetrieb keine Kapazitäten hat und es dort keine brauchbare zweite, kleinere Bühne gibt, geschweige denn Probenkapazitäten – geschenkt. Derzeit verfügen Puppentheater und Schauspiel über drei Bühnen, weniger dürfen es nicht werden, eher noch wäre eine zusätzliche Black Box für kleinere Tanzformate sinnvoll. Eins war klar: Eine solche Zusammenlegung würde das Theaterleben in Chemnitz massiv beschneiden – nach der erfolgreichen Kulturhauptstadt, die Schauspiel und Puppentheater allerdings im Interim im Spinnbau, einer ehemaligen Industriehalle abseits des Zentrums, begehen mussten.

Die Provokation
Genau hier liegt einer der Pudels Kerne für die Provokation, hinzu kommen jahrzehntelange lokale Diskussionen und viel Geld vom Bund. Letzteres ist einer der entscheidenden Auslöser dieser Standortdiskussionen. Etwa 105 Millionen Euro bekommt die Stadt im Rahmen des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität, und das muss ausgegeben werden. Das Schauspielhaus steht derzeit ohne Haus da. Die Sanierung des alten Standorts, gerne hochgejazzt zum «Vorzeigebau der Ostmoderne» («nachkritik.de») wurde im letzten Jahr auf Eis gelegt – zu teuer. Im Raum stand die Summe von 34 Millionen Euro. Tatsächlich ist das ehemalige Altenheim, dem in den 1970er Jahren nach einem Brand ein nicht einmal zentral liegender Bühnenturm beigefügt wurde, vor allem ein Beleg für die These, das nichts so lange halte wie ein Provisorium.

Ob allerdings etwa das Dach noch hält, vermögen aktuell nicht einmal Statiker zu sagen. Mit den Bundesgeldern – etwa 56 Millionen Euro wollte die Stadt für die Theater Chemnitz einsetzen –, wäre immerhin eine Ertüchtigung des jetzigen Interims drin gewesen, dem es wiederum, wie es so die Art ist von Provisorien, an einigem mangelt – etwa einem Bühnenturm. Hätte sich hier also nur Geschichte wiederholt, frei dem Motto, das Gegenteil von gut ist gut gemeint?

Generalintendant Dittrich, dem alle Häuser gleichermaßen unterstehen, fand das vor einem Jahr gegenüber «Theater heute» nicht die schlechteste Idee. Dittrich ist jemand, für den das Glas immer halb voll ist, der nach vorne denkt und Rückschläge in Optionen umzuwandeln weiß. In diesem Fall ein neues Haus, in das auch gleich Werkstätten und Probenräume integriert werden können.

Welle im See 
In all diese Überlegungen platzte dann die Kulturverwaltung mit dem Sanierungsbedarf des Opernhauses von 20 Millionen Euro – es war zuletzt 1988 modernisiert worden. 54 Millionen plus 20 Millionen, man muss kein mit spitzem Bleistift rechnender Haushaltspolitiker sein, um zu sehen, dass da ganz schön viel Geld für die Hochkultur locker gemacht werden müsste – angesichts klammer Kassen und drei rechtsextremer Fraktionen im Stadtrat ein schwieriges Unterfangen.

«Ich habe dann diesen Stein in den ruhenden See geworfen, um zu sehen, was passiert», begründet Müller seinen Vorstoß und betont, er habe lediglich gesagt, dass das Schauspiel das Opernhaus nutzen könne, aber nicht müsse. Eine Zusammenlegung hätten erst die Medien draus gemacht, die Reaktion habe ihn aber nicht überrascht. Zugleich schloss er damit eine uralte Chemnitzer Strukturdebatte wieder auf, nämlich die Idee eines Kulturquartiers im Rücken des Opernhauses, wo dann alle Sparten zusammen kämen. Dieses Wolkenkuckucksheim ist natürlich noch viel weniger finanzierbar, aber als Kompromiss schält sich heraus, dass mittelfristig neue Bühnenräume an eben jener Stelle entstehen könnten.

Mehr Konkretes weiß man derzeit nicht, aber die Ertüchtigung des jetzigen Interims scheint erstmal vom Tisch. Christoph Dittrich findet das Konzept, hinter der Oper Schauspiel- und Puppensparte neu anzusiedeln, charmant: «Der Nukleus wäre da am richtigen Ort gesetzt.» Wichtig ist für ihn, dass die Bühnenanzahl mindestens erhalten bleibt und es keine quantitativen und qualitativen Einschnitte geben muss. Seine größte Angst ist, dass nun noch irgendwelche Vorschläge auftauchen und die ganze Sache nicht vom Fleck kommt: «Wir brauchen Verlässlichkeit.» Ende Mai, also nach Redaktionsschluss, entscheidet der Stadtrat, wie es weitergeht; angesichts der komplizierten Mehrheiten bleibt es spannend. 


Theater heute Juni 2026
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Torben Ibs

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