Bunker-Atmo auf der Datscha: Lukas Turtur, Sophia Ahrens, Jakov Ahrens, Ursina Lardi (Lenin), Ulrich Hoppe (Lunatscharski), Iris Becher (Sekretärin) und Nina Kunzendorf (Krupskaja) in Milo Raus «Lenin» an der Schaubühne Berlin; Foto: Thomas Aurin
Austreibung der Menschlichkeit
Lasset die Kindlein zu mir kommen! In der Pose des gütigen Vaters, der kleine Jungs und Mädels liebevoll in die Backen kneift, haben sich Diktatoren, wie kinderlos auch immer, stets gerne abbilden lassen. Von Wladimir Iljitsch Lenin sind solche Aufnahmen nicht überliefert, was schlicht daran liegen mag, dass die Zeit seiner Herrschaft zu kurz und zu unruhig war, schon bald auch von den Folgen seiner Schlaganfälle und der politischen Isolierung durch Stalin geprägt.
«Ab ins Massengrab!»
Milo Rau, der sich über den theatralen Einsatz von Kindern in «Five Easy Pieces» den Kopf zerbrochen hat, lässt in seiner Schaubühnen-Inszenierung über die letzten Tage des russischen Revolutionsführers wieder mehrmals einen Jungen und ein Mädchen an Ursina Lardis Lenin herantreten. Sie kommen aus seiner Heimatstadt Simbirsk und wollen ihm, weil er doch in letzter Zeit so müde geworden sei, einen Rollstuhl schenken. Lenin befallen gegenüber den niedlich bezopften und bemützten Kindern die finstersten Gewaltfantasien: «Ich könnte dem kleinen Bengel die Gurgel umdrehen – so regt es mich auf, dieses pralle Leben, diese feisten Wangen … Wie Swerdlow es mit den Zarenkindern gemacht hat: In den Kopf ...
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Theater heute Dezember 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Eva Behrendt
Nur zum Verständnis: Man darf von einem Kompendium namens «Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch» nicht erwarten, selbst komisch zu sein. Aber auch für akademische Verhältnisse kommt der vom Gießener Literaturwissenschaftler Uwe Wirth herausgegebene Band recht trocken daher. Freilich ist es natürlich eine Frage der wissenschaftlichen Seriosität, zunächst über rund...
Das Schöne von Klischees liegt in ihrer Vertrautheit: Sie bieten bekanntes Terrain in einer Welt voller Unwägbarkeiten. Beispielsweise die junge, ehrgeizige und hübsche Psychologiestudentin, die fest an das Gute im Menschen glaubt. Oder ihr zynischer, kaugummikauender Mentor, der ihre Naivität ausnutzt und seine Nachhilfe mit Sex bezahlen lässt. Oder der...
#EveToo. Es ist ja das Stück zur Stunde. Ein Mann mit Macht nötigt eine junge Frau zum Sex; die Ähnlichkeiten mit lebenden Personen drängen sich auf und sind leider ganz gewiss nicht zufällig. In nackter Scheußlichkeit windet er sich also auf die Bühne, Markus Scheumanns Adam, und hopst auf seinen Dorfrichter-Drehsessel. Von da grinst er zufrieden herunter und...
