Amerika dreht durch: Arthur Millers «Hexenjagd», Regie Stephan Rottkamp, mit Marina Poltmann, Ursula Hobmair, Tammy Girke, David Kosel, Torsten Ranft, Amelie Schwerk, Tillman Erdmann, Albrecht Goette, Oliver Simon und Matthias Reichwald; Foto: Sebastian Hoppe
Arbeit an der bürgerlichen Gegenöffentlichkeit
Professor Bernhardi, Chef einer Wiener Privatklinik, sieht am Staatsschauspiel Dresden eher wie ein puristischer Medizin-Blogger aus. In Raiko Küsters Darstellung versendet die internistische Koryphäe praktisch aus jeder Pore die Botschaft, um wie viel näher ihr mental der Hoodie steht als der Smoking.
Dieser personifizierte Hippokratische Eid thront ohne jede Frage sowas von meilenweit über den Statusspielchen und der Eigen-PR-Folklore, mit denen sich die rangniedrigere Kollegenschaft hier Tag für Tag zwischen Trinkwasserspender und Handdesinfektionsautomat erniedrigt, dass man als Durchschnittskarrierist vom Schlage eines Ebenwald (Dominik Maringer) durchaus fuchsig werden kann.
Die Idee des neuen Dresdner Intendanten Joachim Klement, «Professor Bernhardi» an den Anfang seines fünf Premieren umfassenden Einstiegswochenendes zu stellen, liegt in der sächsischen Pegida-Hochburg natürlich nahe – zumal der Neustart eigens parallel zur Bundestagswahl terminiert war. Im Epizentrum eines Bundeslandes, in dem die AfD daraus letztlich allen Ernstes als zahlenmäßig stärkste Partei hervorging, wirkt Arthur Schnitzlers über hundert Jahre alter Fünfakter ja geradezu gegenwartsdramatisch: ...
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Theater heute Dezember 2017
Rubrik: Starts, Seite 34
von Christine Wahl
Cornelia Fiedler Herr Akhanli, Sie sind frisch zurück in Deutschland, zwei Monate saßen Sie in Spanien fest, Grund war ein internationaler Haftbefehl der Türkei. Jetzt stehen Sie wieder in «Istanbul» von Nuran David Calis am Schauspiel Köln auf der Bühne (s. TH 7/17 S. 27f.). Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Ihrem Auftritt in der Stückentwicklung, in der Sie...
Darf ein schwarzer Mann mittleren Alters an einem deutschen Stadttheater eine weiße Frau, beispielsweise die Amme in Shakespeares «Romeo und Julia», spielen? Ausdrücklich verneinen würde das niemand, aber in der Praxis erscheint eine solche Besetzung dennoch fast ausgeschlossen. Schaut man jedoch dem New Yorker Tänzer und Choreografen Trajal Harrell dabei zu, wie...
Das Dilemma der jungen Frau: Sie gäb was drum, wenn sie nur wüsst, wer dieser Herr gewesen ist. Auch wenn ihr dieses Gefühl gar nicht passt. Weil es ihr peinlich ist. Weil es unzeitgemäß ist. Weil es in einem Anbaggern wurzelt, das sie gerade noch vehement abgewiesen hat. Aus ihrem höhnischen «Wär sonst auch nicht so keck gewesen» beispielsweise klingt nicht nur...
