«Wo ist die Störung?»
Im Chor liegt der Ursprung des antiken Theaters. Erst trat ein Protagonist heraus, dann der zweite. Doch es dauerte nicht lange, dann war der dramatische Konflikt erfunden. Er hat in den folgenden zweieinhalb Jahrtausenden große Karriere gemacht, denn spätestens seit Renaissance und Aufklärung handelt der Mensch gerne auf sich allein gestellt. Aber der Chor war nicht totzuschweigen. Seit Beginn des letzten Jahrhunderts hat er sich immer wieder kraftvoll auf der Bühne zurückgemeldet.
Max Reinhardt, Gustav Rudolf Sellner, Peter Stein, Ariane Mnouchkine, Einar Schleef und zuletzt Volker Lösch haben jeweils eigene, zum Teil sehr unterschiedliche Chor-Ausprägungen für ihr Theater entwickelt. Auf den folgenden Seiten erzählt der Schleef-erfahrene Bernd Freytag, der zuletzt viele Chöre mit Volker Lösch einstudiert hat, von der Arbeit und seinen Erfahrungen.
Theater heute Bernd Freytag, Sie studieren mit Volker Lösch die Bürger-Chöre ein, in Dresden, in Stuttgart und zuletzt in Hamburg für die Bearbeitung von Peter Weiss’ «Marat/Sade» am Deutschen Schauspielhaus, in der ein Hartz-IV-Chor unter anderem eine Liste der reichsten Hamburger vorträgt. Angefangen mit der Chorarbeit haben Sie ...
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Louis hängt. Und zwar gründlich. Gerade hat der Kollege Partei-Ideologe das blutige, aber revolutionär-politisch korrekte Killer-Komplott erklärt, bei dem sich in den folgenden Stunden fast alle Figuren in Jean-Paul Sartres ideologiekritischem Nachkriegsstück schmutzige Hände holen werden – jetzt aber fehlen ihm plötzlich die Worte.
«Was sach ich da?», raunzt der...
Bemerkenswertes Theater, meinte Jürgen Gosch in einem Gespräch, sei ein fragiler Moment. Man kämpfe ja beim Inszenieren immer damit, die Sache wiederholbar, sie robust zu machen. Und das sei auch nötig: «Aber die Probenphase, bevor dieser Prozess einsetzt, ist mir die liebste. In der die Proben leichtsinniger sind. Bevor die Arbeiten anfangen, Beton zu werden.»...
Die Vernunft hat einen schönen Klang, jedenfalls bei Goethe. Jahrelang hat er Euripides’ Tragödie sprachlich humanisiert, bis der idealistische Wohllaut im vollendeten Seelenakkord schwingt. Im März 1779, vier Wochen bevor er die erste (Prosa-)Fassung seiner «Iphigenie» fertigstellte, hatte Goethe an Charlotte von Stein aus dem nahegelegenen Apolda geschrieben,...
