Avancen aus der Trennungskrise

Die frisch von der Schaubühne Berlin getrennte Sasha Waltz kokettiert in «Gezeiten» mit der Katastrophe

Theater heute - Logo

In Trennungskrisen neigt der Mensch zur Übertreibung und zur Offensichtlichkeit. Jeder kennt das: Man redet zu viel, lacht zu laut, weint zu falsch. Man weiß nicht mehr, wer man ist, was man will und was man kann, aber das mit aller Entschiedenheit. Es muss die Angst vor dem Verschwinden sein, die in Zeiten des Wandels zu unkontrollierten Gefühlskundgebungen und zwanghaften Selbstoffenbarungen führt.

Die Angst vor dem Niemandsland zwischen Nicht-mehr-hier und Noch-nicht-dort, wo die alten Ego-Fassaden sich zerschlagen haben und neue noch nicht errichtet sind, so dass der Mensch genötigt ist, durch prophylaktischen Exhibitionismus zu vermeiden, dass er sich unfreiwillig eine Blöße gibt.

Von dieser Angst vor dem plötzlichen Verlust aller Selbst-Gewissheiten und dem Zwang, sich hinter noch instabilen Selbst-Behauptungen zu verstecken, will Sasha Waltz in ihrem jüngsten Tanztheater-Epos «Gezeiten» erzählen. Und es hätte ihr womöglich gelingen können, wäre ihre Aufführung nicht selbst das Opfer einer Trennungskrise, angekränkelt vom Angstzwang zur Selbstdarstellung, gezeichnet von Desorientierung, Profilierungswut, der nervösen, sprunghaften Suche nach einer neuen Identität.

 

In der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2006
Rubrik: Tanztheater, Seite 20
von Meike Matthes

Vergriffen
Weitere Beiträge
Tränen aus dem Stand

Man sagt dem Regisseur Jürgen Gosch eine Schwäche für Süßigkeiten nach. Wer die besten Konditoreien in Düsseldorf, Berlin, Hamburg, Hannover oder Zürich wissen will, der frage den 62-jährigen Regisseur auf Endlostournee. So raunt man in Zügen und Hinterzimmern. Irgendeine Droge muss der unermüdliche Mann ja haben, warum nicht den Downer aus schön verarbeitetem...

Leblose Luderposen

Es gibt Poptitel, die bringen eine Situation mehr auf den Punkt als seitenlange Dialoge. Also legt sich die ohnehin labile Charlotte im Moment einer besonders großen Krise (ihr alkoholkranker Freund ist gerade gestorben) hin, und es ertönt der Popsong «Suicide Is Painless». Und also singt Charlottes spießiger Bruder Julius, der aus der Enge seiner Ehe zu Charlotte...

Redezwang und Gründungsmythos

Vom Gerede geprägt, gestempelt und verletzt. Geschlagen von Worten» – so fühlen sich die drei älteren Schwestern in «The New Electric Ballroom», mit dem Enda Walsh jüngst zum ausländischen Dramatiker des Jahres gekürt wurde. Um der Schlagkraft der Worte, dem dörflichen Tratsch zu entfliehen, haben sie sich ganz von der Außenwelt zurückgezogen, «um für immer drinnen...