White Boy Realness
Die erste Berührung: Sie klebt ihm ein Nikotinpflaster auf den Bauch. Die zweite: Sie schreibt ihm ihren Namen auf den Unterarm. Die dritte: Beide legen die Handflächen aneinander, und er ist sichtlich überrascht, dass ihre Hände nicht kleiner sind als seine. Zärtlich also geht es zu, als der 20-jährige Paul (Fionn Whitehead), obdachlos, auf Bewährung und eben noch brutal in der Bahn zusammengeschlagen, am Busbahnhof Port Authority im Stadtbezirk Manhattan auf die charismatische Tänzerin Wye (Leyna Bloom) trifft.
Die improvisiert mit ihren «Geschwistern» gerade eine kleine Voguing-Nummer auf den Stufen des Bus Terminal – ein buntes Häuflein exaltierter Paradiesvögel inmitten des Molochs New York, den der Film schonungslos von seiner düstersten, unwirtlichsten Seite zeigt.
Von Anfang an setzt die Regisseurin und Drehbuchautorin Danielle Lessovitz in ihrem Spielfilm-Debüt «Port Authority», das erstmals 2019 in Cannes in der Sektion «Un Certain Regard» gezeigt wurde, auf maximale Kontraste von Zärtlichkeit und Brutalität. Zwischen diesen Extremen schickt sie ihren Protagonisten in ein von Verschweigen und Lügen überschattetes Doppelleben. Der verstörte und lädierte junge Mann findet ...
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Tanz März 2021
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Marc Staudacher
«Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.» Wohin sie führen, lässt die Franz Kafka zugeschriebene Sentenz offen. Wann sonst, wenn nicht in einem Zustand kollektiven Innehaltens, werden Erinnerungen lebendiger: was uns geprägt hat, und wie oft es Zufall war, der Wege gewiesen hat, nicht vermeintlicher Weitblick. Der Weg ist immer auch Ziel.
Von meinem Mentor Horst...
Ein Film. Gleich in der ersten Einstellung wird klar, dass wir es bei «The Dreamers Ever Leave You» nicht mit der filmischen Dokumentation eines Tanzstücks zu tun haben, sondern mit einem Film als eigenständigem Kunstwerk: Der Fokus geht ganz nahe auf die Fingerspitzen von Noah Parets. Ein Zittern, eine Muskelanspannung, mehr ist nicht zu sehen, der Zuschauerblick...
«Movement activity, pure and simple» – nichts könnte die kurzen, Mitte der 1970er- Jahre entstandenen Stücke der Choreografin Lucinda Childs besser beschreiben, die 2020, also nicht ganz fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung, vom Ü-40-Ensemble Dance On (S. 26) zu einem Abend unter dem Titel «Works in Silence» zusammengefasst wurden. Das Bewegungsmaterial, das Childs...
