Unsterblich
Wer will sich schon zu Lebzeiten vom Tod anrufen lassen und beginnen, aus seiner Perspektive zu denken und zu handeln? Die Vorstellung, dass sich das eigene Studio in eine Stiftung oder ein Archiv verwandelt, und das gesamte Schaffen mit all seinen Meisterwerken und Gelegenheitsarbeiten, mit all seinen Skizzen und E-Mails einmal als Nachlass verhandelt wird und in einem Depot landen soll, ist wohl für erfolgreiche Künstler*innen kein beflügelnder Gedanke. Ein Spezialfall ist das Erbe von Choreograf*innen. Es unterscheidet sich grundlegend von jeder materiellen Nachexistenz.
Es muss buchstäblich verkörpert und bewegt werden, sonst verschwindet es irgendwann aus unserem aktiven Bildergedächtnis. Um die Jahrtausendwende hat die UNESCO das Thema «Lebendiges Erbe» als eine der wichtigen, kulturellen Fragen unserer Zeit erkannt. Neben der analogen Fotografie, der Arbeit von Planetarien, Yoga in Indien und Geigenbau in Cremona hat es 2014 auch der Moderne Tanz in Deutschland auf die Liste für ephemeres Kulturerbe geschafft. Dieser offizielle Schutzstatus ist ein großer Schritt nach vorne, weil er das Bewusstsein schärft für notwendige Räume, Regeln und Rechte. Und trotzdem: Ein Blick in ...
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Tanz November 2025
Rubrik: Perspektiven, Seite 52
von Marietta Piekenbrock
CD des Monats
SLAWISCHE TÄNZE
Etwas in der Art der «Ungarischen Tänze» von Johannes Brahms wurde gefordert. Kein Problem für Antonín Dvořák – im Auftrag seines Verlegers komponierte der noch verhältnismäßig unbekannte Tscheche innerhalb kürzester Zeit seine «Slawischen Tänze», die am Ende ganz anders waren als die seines prominenten Kollegen, eben nicht auf...
Im Mai hat Miles Greenberg seine Mission beendet: Der noch nicht einmal dreißigjährige Kanadier war Pina-Bausch-Gastprofessor und damit Nachfolger von Marina Abramović an der Folkwang Universität in Essen, wo in Kooperation mit dem Folkwang Museum zeitbasierte Kunst nachhaltig gefördert wird. Die 2022 eingerichtete, vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW...
Eun-Me Ahn ist ein Farbtupfer, in jeder Hinsicht. Ihr Studio in der Hauptstadt Südkoreas liegt hinter einer Tankstelle, im Untergeschoss. Draußen die Stadtautobahn, Betonfassaden, Menschen in dezenten Grauoder Beigetönen, ein Paar grüne Sträucher – aber selten. Dann geht man die Treppe herunter, stößt die Tür auf, und urplötzlich exaltieren die Farben, in...
