Stuttgart: De Keersmaeker, Sanchis «A Love Supreme» on tour

Tanz - Logo

Eigentlich hätte «A Love Supreme» das Zeug zum choreografischen Gassenhauer, ähnlich dem «Boléro». Genau wie Maurice Ravels Klassiker schafft John Coltranes Befreiungsschlag der Jazz-Geschichte einen Sog, dem sich niemand entziehen kann. Anne Teresa De Keersmaeker hat zu dem revolutionären Opus von 1964 nun zwei verschiedene Stücke aufgelegt. Dabei bearbeitet sie 2017 nicht nur dieselbe Partitur wie schon 2005, sondern auch dieselbe Einspielung.

Dazu choreografiert sie wiederum mit Salva Sanchis nach dem Prinzip, dass jedes der vier Instrumente von je einem Tänzer verkörpert wird.

Trotzdem bleibt nichts, wie es war. 2005 tanzten Cynthia Loemij, Moya Michael, Igor Shyshko und Salva Sanchis ganz in Weiß und engelsgleich beschwingt wie in einem romantischen Luftschloss. 2017 wird daraus ein Herrenquartett. Schwarz gekleidet und geerdet, tanzen José Paulo dos Santos, Jason Respilieux, Thomas Vantuycom und Bilal El Had, der von Salva Sanchis den Piano-Part übernimmt. Mit dem Gender-Schwenk entschied sich die Rosas-Chefin auch für einen inhaltlichen Paradigmen-Wechsel: weg mit Sinnlichkeit und Verführung! Keine Ablenkung mehr von den heiligen Klangräumen! Totale Kohäsion mit den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Juli 2017
Rubrik: Kalender und Kritik, Seite 45
von Thomas Hahn

Weitere Beiträge
Münster: Hans Henning Paar «Circ...us»

Der Clown des Großvaters war der tolldreiste Anarchist (man denke an Keaton oder Chaplin). Auch der Clown des Vaters, wie der letztes Jahr verstorbene Clown Dimitri, hat der Figur noch ein Lachen entlockt (tanz 10/16). Der Clown der Kinder heute aber ist böse, so böse, dass ein Würzburger Gericht zwei Horror-Clowns unlängst wegen gefährlicher Körperverletzung...

Grand Finale

Paris ist nicht mehr, was es einmal war: Stadt der Träume, großes Versprechen. Wer mit dem Bus vom Flughafen Charles de Gaulle kommend die Bezirke außerhalb des Autobahnrings durchquert, um über eine der nördlichen Zufahrten wie Porte de la Chapelle ins Zentrum zu gelangen, wird eines Elends ansichtig, das von Jahr zu Jahr verstörendere Ausmaße annimmt. Auf den...

Avignon: Lemi Ponifasio «Standing in Time»

Ein Begräbnisritual wie eine griechische Tragödie. In «Standing in Time», uraufgeführt am Festspielhaus St. Pölten, gibt es Protagonisten, einen Chor, Götter und Polyphonien samoanischen Ursprungs. «We have to bury our dead properly», mahnt Lemi Ponifasio. Nach samoanischer Tradition gehören sie weiter zu unserer Welt. «Standing in Time» gibt Anhaltspunkte, wie wir...