Neue Horizonte
Dass Körper nie nur Eines sind, ist nicht nur ein Erfahrungswert, sondern auch ein kulturtheoretischer Topos. Es gibt den ausschließlich tanzenden oder politischen, den ganz und gar sozialen oder den nur natürlichen Körper nicht, weder in der Theorie noch in der Lebenswelt. Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts setzt sich das Denken explizit mit der Tatsache auseinander, dass unser körperliches In-der-Welt-Sein kein rein physisches, sondern ein immer mehrfach kodiertes ist.
Körper, so begann die Psychoanalyse zu zeigen, sind imaginär besetzt und von Erinnerungsspuren durchzogen; gleichzeitig sind sie sozial kodifiziert. Der Soziologe und Anthropologe Marcel Mauss beschreibt 1934 in seinem wegweisenden Aufsatz «Les techniques du corps» (Körpertechniken), wie alltägliche Bewegungspraktiken – sei es das Hocken, sei es das Gehen oder Marschieren – keinesfalls angeboren sind, sondern kulturell erlernt werden. Sie weisen deswegen in unterschiedlichen nationalen und historischen Kontexten auch unterschiedliche Merkmale auf, so Mauss. Zeitgenössische theoretische Ansätze, die sich mit den Identitätskategorien Race, Class, Gender, (Dis)ability und ihren Intersektionen befassen, ...
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Tanz Jahrbuch 2026
Rubrik: Komplizen, Seite 60
von Lucia Ruprecht
Mein Urgroßvater war Scherenschleifer, staatenlos, und zog mit einem Karren von Dorf zu Dorf. Die Geschichten jenseits des Hügels hat er den Leuten diesseits des Hügels weitererzählt. Manchmal mit geliehener Pracht, um sich nicht mit sich selbst zu langweilen. War sein Erzählen auch ein «Hunger nach Sinn», wie Alexander Kluge sagen würde? Dachte er sich, so und...
Kyle Abraham mischt den Wortschatz des Tanzes auf, indem er Schwarze Idiomatik ins Ballett einfließen lässt und das klassische Genre damit in die Gegenwart holt. In «Cassette Vol. 1» gönnte er Taylor Stanley, Principal Dancer beim New York City Ballet (NYCB), eine wunderbare Szene. In Zeitlupe pustete ein Ventilator in kitschiger Hollywood-Manier Stanley ins...
Neugier und Zweifel
Ich vermute, ich werde meinen künftigen Komplizinnen und Komplizen erst noch begegnen. Bis dahin erweisen sich Neugier und Zweifel als bemerkenswert loyal: Erstere hält mich in Bewegung, Letzterer sorgt dafür, dass ich immer wieder die Richtung überprüfe. Das meiste, was in der Kunst passiert, scheint sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen...
