Natur macht erfinderisch
Keine Kunst ist so sehr in der Natur wie die Tanzkunst. Sie ist randvoll mit Physik, Biologie, Chemie, Medizin, Neurologie und Anthropologie. Nur ein einziger Sprung auf die Bretter bedeutet schon eine so komplexe Welt aus Gravitation, Selbstorganisation, Chaos-Theorie, Mnemo-Physiologie, Adrenalineskalation und Biomechatronik, dass man fast schon sagen darf, hier ist gar keine Kunst. In jedem Épaulement steckt das Wunder der Natur, in jeder Kniebeuge eine Zoomorphie aus Evolution und Neuronenfeuerwerk.
Auch jede Choreografie enthält solch natürliche Phänomene, etwa die der Organisationstheorie. Choreografie erscheint zwar als eine dirigistische Ordnungsmacht, erzeugt aber zugleich ein komplexes Bewegungssystem, das sich nach allen Regeln der Chaostheorie tatsächlich auch ganz von selbst reguliert.
Das beeindruckt die Naturwissenschaft, weil Tanz ein auf verhältnismäßig wenige Parameter der menschlichen Anatomie beschränktes, dynamisches und freies, also offenes und unabschließbares System darstellt. Darum kann es auch ein Abbild experimenteller Wirklichkeiten sein. Wissenschaftliche Experimente, sagt Jan Saam, Biochemiker an der Berliner Charité, lassen sich am lebenden Körper, in ...
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Meg Stuart choreografiert Doktorspiele. Bei «Visitors Only» (2003) baute ihr Anna Viebrock eine zweistöckige Klinik für Demenz-Patienten. In «Alibi» (2001) entstand eine grausam zitternde Ich-Verleugnung mit einer Kompanie, die seither bei jeder Schlussparty eines Stücks ins berühmte Meg-Stuart-Shaken verfällt. Um das Gruseln abzuschütteln, das in sie fuhr. Den...
Tanz ist eine fortgesetzte Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Schwerkraft, eben jener Gravitation, die die Physik seit 1686 mithilfe der Newton‘schen Gesetze beschreibt. 1916, nach 230 Jahren erfolgreicher Anwendung, wurde sie abgelöst durch Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie. Aber die Schwerkraft blieb. Denn in den meisten irdischen Belangen –...
Nicht nur Videokameras sind in die Ballettsäle der großen Kompanien eingezogen, sondern auch der Computer. Er hilft der Crew der Choreologen, jenen Spezialisten, die die in den 1950er Jahren von Rudolf Benesh entwickelte Notation zur Erfassung von Körperhaltungen und Bewegungsabläufen beherrschen und für die Archivierung und Neueinstudierung unzähliger Ballette...
