Kiel
Die Verwandlung geschieht etwas arg plötzlich. Eben noch bastelt der Puppenmacher Coppélius an einem Gliederrohling, schon kommt das fertige Ballerinenmädchen auf einem Tisch aus den Kulissen gefahren und klappert mit den Augen. Erste steife Verrenkungen bedürfen noch manueller Unterstützung. Dann aber entfaltet das Maschinenwesen ein recht forsches Eigenleben und fasst seinem verschreckten Schöpfer beim ersten Walzerversuch an den Hintern.
Das ist witzig und kurbelt das Geschehen an.
Dennoch wird man den Eindruck nicht los, dass Yaroslav Ivanenko in seiner «Coppélia»-Inszenierung am Opernhaus Kiel den entscheidenden magischen Erweckungsmoment verschenkt. Der Ballettdirektor erzählt seine eigene Geschichte. Weder der düster romantischen «Sandmann»-Erzählung von E. T. A. Hoffmann noch der Verwechslungsgeschichte des Ballettlibrettos von Arthur Saint-Léon und Charles Nuitter will er folgen. Auch wenn sich Saya Komine zauberhaft auf einen puppenartigen Ausdruck versteht, ihre Coppélia ist hier nicht mehr das in Bann ziehende Automatenwesen. Sie selbst treibt aktiv die Handlung voran. Einen Napoleon-Hut keck auf den Kopf gesetzt, befehligt sie mit kantiger Geste eine ...
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Tanz Januar 2017
Rubrik: Kalender und Kritik, Seite 40
von Irmela Kästner
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