Proben zu «La Belle» mit Olga Smirnova, Foto: Alice Blangero
Jean-Christophe Maillot: Revolution!
Es ist die Eigenheit der Kunst, sich zu entwickeln, zu erneuern und immer wieder selbst infrage zu stellen. Auch der Tanz folgt dieser Regel, ja er schreibt sogar an seiner eigenen Geschichte und befragt gleichzeitig seine Formen. Was mich heute am meisten überrascht, ist nicht so sehr die Entwicklung des Tanzes als vielmehr die grundstürzende Umwälzung, die hinsichtlich seiner Verbreitung vor sich geht. Jahrehundertelang waren wir es gewohnt, Tanz in Verbindung mit realen Orten zu sehen, mit Theatern, Museumssälen, vielleicht auch Straßenzügen.
Seit er die Leinwände und Monitore erobert hat, hat sich der Tanz ein Stück weit entmaterialisiert. Er hat sich einen Platz im Kino gesichert (manchmal in 3D), er ist in Social-Media-Formaten ebenso präsent wie auf Web-TV-Plattformen, er wird dank umfangreicher Strea-mings weltweit geteilt und unmittelbar kommentiert.
In der Tat erleben wir eine Revolution, was die Verbreitung choreografischer Inhalte betrifft. Was wir morgen zeigen wollen, müssen wir heute vorwärtsbringen. Genau wie ein Kompaniedirektor sich um Uraufführungen kümmern muss und ein Festival darum, wie es Zuschauer für neue Formen interessiert, bin ich mir völlig im Klaren ...
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Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Raum für Visionen, Seite 118
von Jean-Christophe Maillot
Mir persönlich ist es als Künstler wichtig, bei jedem schöpferischen Prozess möglichst viele schwierige Fragen aufzuwerfen, die meine Kreativität herausfordern. Das ist unerlässlich, wenn man sich persönlich weiterentwickeln will. Genauso unerlässlich ist es aber auch für die Fortentwicklung der Kunst als solche. Tradition und Geschichte sind für mich beides...
Brandon Washington stimmte in Faye Driscolls «Thank You for Coming: Play» die Klage-Arie «Where’s my Mom?» an. Das war im vergangenen Herbst an der Brooklyn Academy of Music. Unbändig um sich schlagend, aus dem Gleichgewicht taumelnd, gegen die Wand prallend, brachte er sein Publikum zugleich zum Lachen und zum Weinen. In der «Thank You for Coming»-Reihe müssen...
Du betrittst den großen Ausstellungsraum. Blau-rotes Licht leuchtet auf Stoffe, die Lautsprecher verkleiden. Auf einer Seite steht ein skelettartiges Kugelobjekt mit dünnen blauen Elektrolumineszenz-Fasern, die wie Dendriten leuchten.
Du bewegst dich zwischen den Lautsprechern hindurch, die in dem Stoffwald verteilt sind, und bemerkst die subtil wechselnden Klänge,...
