Besucherin im Korallenriff: «metakimosphere no. 4» von Johannes Birringer, Foto: DAP
Immersion
Du betrittst den großen Ausstellungsraum. Blau-rotes Licht leuchtet auf Stoffe, die Lautsprecher verkleiden. Auf einer Seite steht ein skelettartiges Kugelobjekt mit dünnen blauen Elektrolumineszenz-Fasern, die wie Dendriten leuchten.
Du bewegst dich zwischen den Lautsprechern hindurch, die in dem Stoffwald verteilt sind, und bemerkst die subtil wechselnden Klänge, die durch die Atmosphäre sickern wie Nebel, der sich langsam auf Ästen und Blättern niedersetzt.
Klickende Geräusche, kleine perkussive Laute wie Vogelschreie oder Flüstern des Winds, immer wieder arhythmisches Rauschen, langsam widerhallend.
Du nimmst das Licht wahr, ein schimmernd düsteres Grau, das Filmemacher lieben, wenn sie die Unschärfe der Konturen einfangen wollen. Dort drüben bewegt sich etwas, als wäre eine Gestalt hinter dem Stoff sichtbar geworden. Es war nur das maskierte Gespenst eines Tänzers. Hinten siehst du eine Musikerin, die Gedichte auf einer alten Schreibmaschine tippt. Ihre Finger hämmern auf die Tasten und erzeugen jene Klänge, die durch den Raum driften. Auf der anderen Seite entdeckst du ein treibendes Korallenriff, blaugrüne Unterwasserfarbe – nur eine digitale Projektion. Aber du willst dich ...
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Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Labore der Zukunft, Seite 74
von Johannes Birringer
In seinem Essay «Warum Klassiker lesen?» definiert der italienische Schriftsteller Italo Calvino jene Werke als «Klassiker», die sich aufgrund ihrer spezifischen Relevanz entweder als unvergesslich erweisen, oder die, aus den Tiefen des Gedächtnisses geborgen, als Äußerungen des kollektiven Unbewussten zutage treten. Calvino bezieht sich freilich auf die Literatur;...
Wie hältst du’s mit der künstlerischen Freiheit? Gute Frage in aufgeheizten Zeiten. Ist ein Tanzstück politisch genug, um gesellschaftlich relevant zu sein? Wieder eine heiße Frage, eine Wiedergeburt aus den 1970ern. Nur: Heute scheint alles noch komplizierter, als es vor vierzig Jahren ohnehin schon war. Das vor zehn Jahren gegründete, junge italienische Kollektiv...
«Wie sieht der Tanz der Zukunft aus und wo findet er statt?» Meine Antwort: Man müsste mehrere Jahre um die Welt reisen und intensive Beob-achtungen anstellen. Danach könnte man vielleicht eine kompetente Auskunft geben – wenn auch notwendigerweise durch die eigenen Präferenzen gefärbt. So allgemein, wie die Frage gestellt ist, kann ich sie keinesfalls guten...
