Hirn-Tattoos

Florentina Holzingers Inszenierungen sind schrill, provokant und erinnerungstechnisch ausgesprochen nachhaltig.

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Was hat man nicht alles vergessen! So viele Schritte, Tänzer, Choreografien, Performances in den letzten Jahren gesehen, und wer oder was davon hat Spuren hinterlassen? Es ist beschämend. Das allerdings dürften wohl die wenigsten Augenzeugen wieder aus ihrem Kopf kriegen: Eine Frau hämmert sich mit sachten Schlägen einen acht Zentimeter langen Zimmermannsnagel ins rechte Nasenloch. Pock, pock, pock wandert das Stahlstück Richtung Hirn, bis der Stift komplett verschwunden ist. Die Frau ist Florentina Holzinger, blonde Amazone aus Wien mit großer Passion für Schock und Splatter.

Ein Theater des Schmerzes, das die Grenze zwischen Illusion und Wirklichkeit verwischt. Ein Theater der Nachhaltigkeit.

Vielleicht liegt gerade besonderer Reiz darin, Unvergessliches zu schaffen, wenn man in einer Kunst arbeitet, die sui generis die Antithese zur Nachhaltigkeit ist. Betritt ein Körper die Bühne, tritt immer auch eine Metapher für Endlichkeit und Verfall auf. Tausende kleiner Zellen sterben minütlich ihren unsichtbaren Tod im Menschen, täglich sollen es rund zehn Milliarden sein. Eine unausweichliche individuelle Apokalypse. Und Endzeitszenarios sind eine Spezialität der Choreografin mit dem ...

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Tanz August/September 2021
Rubrik: Nachhaltigkeit, Seite 48
von Nicole Strecker

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