Digitale Heimat

Die virtuelle Realität unter einer Datenbrille ist ein Paradies. Nur der Himmel wurde zugemauert. Und noch etwas fehlt: der Körper. Mehr Heimat für den Körper auch in der Datensphäre!

Tanz - Logo

«Im Dickicht der Städte» heißt ein frühes Drama von Bertolt Brecht, 1924 wurde es in Berlin aufgeführt. Regie führte Erich Engel, die Ausstattung besorgte der Bühnenbildner Caspar Neher. Dieser zeigte «Räume, von denen man nie so recht weiß, ob sie eigentlich Innenräume oder Straßen sind. Himmel und Luft sind mit Steinen zugebaut, und diese bröckeligen Wände sind doch nicht stark genug, um den Menschen wie eine Heimat von der Außenwelt abzuschneiden – es ist alles nur Straße», so der Kritiker Julius Bab in der «Berliner Volks-Zeitung» vom 31. Oktober 1924.

Zur Heimat hätte es also deutlich stärkerer Wände bedurft, die gegen die Straße und die Öffentlichkeit schützen. Die für Ruhe sorgen vor den anderen, den Eindringlingen, die nicht einmal Fremde sein müssen. Brecht, Neher und Engel hatten damals das Berliner Stadtleben im Ohr, die ungeschützte Öffentlichkeit mit lärmenden Kindern in engen Hinterhöfen, die wie Schalltrichter jeden Streit, jede Musik, jedes Tellerklappern vielfach verstärken. Je digitaler die Welt seitdem geworden ist, desto öffentlicher hallt heute jeder Streit, jede Musik, jedes Tellerklappern über tausende Kanäle in jede noch so energieeffizient abgedichtete ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2018
Rubrik: Eroberer, Seite 91
von Arnd Wesemann

Weitere Beiträge
Goyo Montero

Heimat ist für mich dort, wo meine Familie und meine Arbeit sind. Meine Familie befindet sich in Nürnberg und Madrid, aber meine Arbeit findet auf der Bühne und im Ballettsaal statt. Für die vergangenen zehn Jahre war meine Arbeits-Heimat das Staatstheater Nürnberg. Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich mich geborgen fühle. Und das war für mich, seitdem ich mit...

Martina Arduino

Martina Arduino ist seit Kurzem Prima Ballerina beim Ballett des Teatro alla Scala in Mailand. Dort rangiert die 22-jährige gebürtige Turinerin unter den vielversprechendsten Nachwuchstänzerinnen der Kompanie, die nun endlich die höheren Ballettweihen empfangen. Im Anschluss an ihre Ausbildung, die sie in Turin begann und 2015 an der Accademia Teatro alla Scala...

Lorenzo Trossello

Lorenzo Trossello hat einen jener überirdisch proportionierten Körper, die den Gedanken nahelegen, er stehe mit Gott auf ganz besonders gutem Fuß: hochgewachsen, muskulös, mit breiten Schultern und kräftigen Beinen, dazu ein ideales Bühnengesicht mit großen dunklen Augen, markanter Nase und gewinnendem Lächeln. Seit seiner Aufnahme am Northern Ballet in Leeds im...