Claudia Lichtblau: «Palimpseste»

in Essen

Tanz - Logo

«Ich kann nicht anders», sagt der nackte Mann im roten Sessel. Sein Haupt ziert eine goldene Krone. Adam (Matthias Hartmann) hat den Thron der Männlichkeit bestiegen. Eva (Nancy Woo), deren Blick nicht nur die Sonnenbrille trübt, legt sich trotz ihrer Blöße auf den kalten Betonboden. Das Salzlager der ehemaligen Kokerei der Zeche Zollverein in  Essen ist ein Paradies dritter Klasse: der Bühnenraum mit seinen rostigen Mauern, die beinah  zur Unkenntlichkeit stilisierten Figuren, die in Fetzen zerrissenen Texte, die Natur als imitierte Vogelstimme und der Tanz als theatrales Moment.

Palimpseste betitelt Claudia Lichtblau ihre Performance für zwei Frauen und zwei Männer mit der griechischen Bezeichnung für eine Handschrift, die nach Auskratzen des ursprünglichen Textes neu beschrieben wurde. Und darum leidet nun jeder an seiner Vergangenheit. Die verletzten Seelen verschaffen sich Luft beim Schreien, Kriegsspielen und Suizid. Lichtblaus 13. Produktion auf dem alten Industrie­gelände des Welt­kulturerbes arbeitet symbolhaft am Geschlechterkampf, als Palimpsest des frühen deutschen Tanztheaters mit einer leidensfähigen Penelope und einer kämpferischen, schwarz gekleideten Penthesilea. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Januar 2006
Rubrik: On Stage, Seite 40
von Bettina Trouwborst

Vergriffen
Weitere Beiträge
lin hwai-min

Zuweilen muss selbst außergewöhnliches künstlerisches Talent einen Umweg einschlagen. Lin Hwai-min, geboren im Frühjahr 1947 in Chiayi auf der Insel Taiwan, war zwanzig und galt als ein hoffnungsvoller Schriftsteller, als er seine Heimat mit einem Literaturstipendium Richtung USA verließ. Er veröffentlichte einen Erzählband, dessen Titelstory, «Cicada», in...

Gezeiten

Das Wort Katastrophe, aus dem Altgriechischen stammend, meint eine Wendung, die sich gegen etwas oder einen richtet. Darum gehört die Katastrophe auf die erhabene Seite der Natur wie der Steinschlag im Gebirge. Akustisch hebt so auch das neue Stück von Sasha Waltz an, das Grollen eines Erdbebens, der Weinkrampf einer Frau. Mit geschlossenen Augen ist das Stück ein...

Vor der Erstarrung

Ein beinah noch junger Mann wundert sich in der Bar des kleinen Wiener Konzerthaustheaters. Er sei zufällig hier bei Wien Modern hereingeschneit, sagt er. So viel junges, ausgelassenes Publikum bei einem Festival für Neue Musik – an einem mehrteiligen Abend, der «Maurische Mauern» heißt und James Joyce zum Thema hat. Der Mann hat mehr elitäre Abgehobenheit...