Chemnitz: «Eugen Onegin»
Eben noch erblüht der Morgen in seiner ganzen Farbigkeit, da lässt ein Donnerschlag den Stimmungsumbruch ahnen. Nicht dass Onegin Tatjana einfach im Regen stehen ließe, dafür ist der Nobelmann aus Sankt Petersburg Kavalier genug. Aber im gleichen Maße, wie er lesend ihr Liebesgeständnis verinnerlicht, knickt ihr Körper ein – gefaltet und geplättet wie der Brief, den er ihr abweisend zurückreicht: eine Szene, nicht zuletzt deshalb im höchsten Maße ausdrucksstark, weil sie sich in der spielerischen Ausgelassenheit der Schwester aufzulösen scheint.
Olga kann ja nicht ahnen, wen sie da wenig später blindlings umarmt – und so kommt es zu einem unheilvollen Missverständnis, dem ihr Verlobter Lenski letztlich zum Opfer fällt.
Stark ist auch der Umkehrschluss, dem Reiner Feistel Musik von Charles Ives («The Unanswered Question») unterlegt. Wie erstarrt auf einem Stuhl sitzend, lässt Tatjana keine Regung erkennen. Und doch: Jedesmal, wenn ein einzelner Trompetenton den Wohlklang stört, verliert sie ihre Contenance. Sie umarmt den Geliebten. Sie kann nicht anders; selbst nach Jahren der Reifung schwankt sie, inzwischen anderweitig gebunden, zwischen Pflicht und Neigung. Bis das moralische ...
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Tanz Januar 2016
Rubrik: Kalender und Kritik, Seite 34
von Hartmut Regitz
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