Angelin Preljocaj «Le parc»
Als Tänzer war Laurent Hilaire, Direktor des Bayerischen Staatsballetts, die Eleganz selbst: Hoch gewachsen, ausdrucksvoll, sprunggewaltig und dabei für feinzart lyrische Partien ebenso prädestiniert wie für Draufgänger, klassische Helden oder postmodernes Forsythe-Fortissimo. Die erste von ihm selbst geplante Spielzeit in München hat er mit einem Ballett bestückt, das er seinerzeit gemeinsam mit Isabelle Guérin aus der Taufe hob: «Le Parc», choreografiert von Angelin Preljocaj. 1994 war das, Schauplatz: Pariser Oper.
Ob sich das galante Spektakel in die Saison 2023/24 (und ins Programm der aktuellen Ballettfestwoche) transplantieren lässt – das ist nach der winterlichen Aufführungsserie im Münchner Nationaltheater mit einem klaren «Jein» zu beantworten.
Das «Ja» zuerst: Preljocajs Choreografie lustwandelt auf den Spuren des barocken Zeitalters, seiner Rokoko-Ausläufer und der Literatur, die sich im 17. Jahrhundert um die Kunst der Verführung und die Gefahren der erotischen Verlockung rankte: Romane wie Choderlos de Laclos’ «Gefährliche Liebschaften». Der Choreograf verpackt die Unterströme dieser erotomanen Erzählungen in ein dreiaktiges Ballett ohne rechte Handlung. Es geht um einen Kavalier und seine Angebetete, die sich erst einmal ziert, bevor sie seinen Avancen erliegt. Die Ensembles sind schmückendes Beiwerk, der Nukleus besteht aus drei Pas de deux, hinreißend anzusehen, weil ausdrucksstark gefärbt. Im Finale wirft sich Madame an den Hals von Monsieur, und während sie einander küssen, fliegt sie empor, dreht Runde um Runde, von nichts als den Fliehkräften seiner Rotation in der Luft gehalten. Eine ikonische Szene. Soweit, so gut – zumal zur Premiere mit Madison Young (tanz 1/22) und Julian MacKay ein formidables Duo am Start war.
Und nun das «Nein». In selbiger Premiere spielt sich im Parkett eine Szene ab, die völlig aus der Zeit gefallen scheint: Grauschöpfe, die gemeinhin jede andere Ballettvorstellung an der Seite ihrer tanzverliebten Gattin im Halbschlaf absitzen, zücken das Opernglas und starren auf die Bühne. Dort hat Preljocaj acht Tänzerinnen zunächst in opulente Barock-Roben gesteckt und dazu verdonnert, wie schnatternde Gänse aufzutreten. Wenig später fällt eine nach der anderen in Ohnmacht, noch später kreuzt das neckische Oktett in Korsage und Unterrock auf, zu Mozarts «Kleiner Nachtmusik». Solche Abziehbilder frivoler Weiblichkeit halten anno 2023 wohl nur noch ältere Herren für satisfaktionsfähig. Preljocaj täte gut daran, «Le Parc» zu inspizieren und morsches Gestrüpp zu entsorgen. Dann könnte das künstliche Gartenparadies noch einmal aufblühen.
Wieder im Nationaltheater zur Ballettfestwoche, 19. April sowie am 3. Juli; www.staatsoper.de
Tanz April 2024
Rubrik: Kalender, Seite 38
von Dorion Weickmann
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