Anders

Was, wenn das Physische die Schablonen der sogenannten Normalität sprengt? Wenn Muskeln die gängigen Regeln der Mechanik aushebeln und ganz andere Kräfte ins Spiel kommen? Künstlerinnen haben sich längst auf den Weg gemacht.

Unter den vielen klugen, charmanten Momenten des Duetts «The Way You Look (at me) Tonight» gibt es eine Szene, in der die schottische Tänzerin Claire Cunningham ihrem amerikanischen Kollegen Jess Curtis erklärt, wie man eine Krücke am besten auf dem Boden justiert, um mit den Beinen – schwups – um sie herumzuschwingen oder die Hand so geschickt an die Gehhilfe anzusetzen, dass man sein Gewicht auf dem Griff – very easy – niederlassen kann.

Jess Curtis hievt nach diesen pointierten Anleitungen seinen großen Körper vom Boden weg – nur um schließlich in Gänze niederzupoltern. Auch der zweite und dritte Versuch, etwas mehr Flow und Uplift in die Bewegung zu kriegen, scheitert an der Kombination aus Erdanziehungskraft und fehlender Technik.

Die Eleganz und Geschicklichkeit, die Claire Cunningham über viele Jahre im Umgang mit den Krücken entwickelt hat, kann nicht nach kurzer Übung nachgeahmt werden, auch nicht von einem gut trainierten Tänzer – so kann diese Szene gelesen werden. Aber viel mehr als das machen sich in ihr die verschobenen Verhältnisse von Kraft und Können und die Umkehrung standardisierter und standardisierender Begriffe wie Defizit und Benefit deutlich: Muskelschwache ...

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Tanz Jahrbuch 2018
Rubrik: Entdecker, Seite 83
von Elisabeth Nehring