Zwischenreich

Aller Tanz will Ewigkeit. Aber wie lassen sich Bewegung und Inspiration festhalten? Wie die Grenzen von Zeit, Ort, Sparte und Bezugsrahmen überwinden?

Eine dem Autor beruflich lange verbundene Grafikerin seufzte einmal: «Warum eigentlich dürfen bei Publikationen zum zeitgenössischen Tanz nie Tanzfotos verwendet werden?» Ihre Kümmernis bezog sich auf den damaligen Trend, alle möglichen Bewegungsphänomene zu zeigen, nicht aber choreografische Szenen auf der Bühne. Die Abneigung gegen Tanz-Illustrationen mag sich inzwischen wieder abgeschwächt haben; das Unbehagen aber bleibt.

Bloß nicht den Tanz festlegen auf eine bestimmte Erscheinungsform, auf keinen Fall den bewegten Körper feiern, niemals das Theatralische in den Vordergrund rücken.

Aber was eigentlich? Viel leichter ist es, das «nicht» zu benennen – alles das, was dem Tanz nicht zukommt: keine bestimmte Technik, keine bestimmte Ästhetik, nichts Endgültiges. Er entsteht immer neu in der Praxis, reagiert dabei auf die Bedingungen seiner Gegenwart und fürchtet daher die Geschichte als das, was schon war und nicht mehr abgeändert werden kann. Das mag zum Wesen der Kunstform passen, die immer in Bewegung sein muss und daher ständiger Veränderung unterliegt. Aber müsste man das nicht auch positiv formulieren können? Im Sinne eines «Ja» statt des ewigen «Nein» oder «Vielleicht»?

Im ...

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Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Ästhetik: Ins Offene, Seite 92
von Franz Anton Cramer

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