Zugvögel

sind abhängig von den Jahreszeiten. Trotzdem werden sie jeden Herbst zum Synonym für eine Freiheit, die Jirí Kylián eine ganze Generation lang am Nederlands Dans Theater feiert. Und zur 20-jährigen Unabhängigkeit des Bayerischen Staatsballetts.

Tanz - Logo

Freiheit so fühlt sich dieser Tanz an. Mit Macht treibt er voran, strömt auf die Bühne wie angesogen von der ersehnten Aussicht, taumelt weiter, schneller, schwindelerregend, immer näher an den endlosen Himmel heran. Leidenschaftlich werfen die Tänzer ihre Arme und Beine in die Luft, als wären es Flügel und sie könnten sich in die Luft schwingen und das Dach des ehrwürdigen Hauses aufsprengen, gemeinsam ausschwärmen, auf dem Wind ins Weite – vor sich alle Ewigkeit.

So viel Leidenschaft ist ansteckend. Und rührend.

Sie verhindert, dass wir uns in den altrosa Polstern auf unserer Lebenserfahrung ausruhen. Kunst ist nicht Leben. Illusionen zerplatzen. Kein Walzer währt ewig; dann gehen die Lichter aus. Warum also schwelgen? Aber ist Vorsicht wirklich besser als Nachgeben? Jirí Kylián mag ein Romantiker sein, naiv ist er nicht. Seiner hemmungslos jauchzenden Hymne an die Lebensfreude im rauschhaften Walzertakt Ravels geht eine lange Stunde elegische Abschiedsstimmung voran. Es heißt, die «Zugvögel» seien seine letzte große Bühnenproduktion. Will man den Humanisten und Eklektiker zwischen Ballett, Modern Dance, strenger Abstraktion und Volkstanzseele fassen: Vergänglichkeit ist sein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Juni 2009
Rubrik: Repertoire, Seite 10
von Katja Werner

Vergriffen
Weitere Beiträge
Jirí Kylián

trägt die Melancholie im Blick, die Abgründe im Herzen und den Schalk im Nacken. 25 Jahre lang, von 1974 bis 1999, leitete er eine der erfolgreichsten Tanzkompanien Europas, das Nederlands Dans Theater in Den Haag. Das besitzt etwas sehr Seltenes: ein eigenes Haus und restlose Freiheit. Bei Kylián ist der Tanz keine Sparte, sondern ein Traum von Freiheit. Immer...

Sasha Waltz

Sasha Waltz wurde in Paris zum «Officier dans l’Ordre des Arts et des Lettres» ernannt. Das ist die höchste Auszeichnung für Künstler, die sich durch ihren Beitrag «zur Ausstrahlung der Künste und der Literatur in Frankreich und in der Welt ausgezeichnet haben». Im Théâtre de la Ville in Paris spielt sie tagelang vor ausverkauftem Haus. Wird dort beinah vergöttert....

Fabian Chyle: «Re-Inventing Nijinsky»

«Ich bin Gott», schrieb Vaslav Nijinsky. «Ich bin der Geist in jedem Menschen». «Ich bin Vaslav», sagen brave Bürger am Eingang der Ludwigsburger Karlskaserne in die Kamera. «Ich bin kein wildes Tier», sagt eine Stimme auf der Bühne, auf der der alte Videokünstler Alex Schmidt an einem kleinen, brüchigen Wohnwagen zimmert. Fabian Chyle tritt hinzu, der Stuttgarter...