Zeitlos schön
Klassik hat Konjunktur. Wo auch immer das Petersburger Mariinsky-Ensemble seine zaristischen Kronjuwelen präsentiert, läuft der Kartenverkauf auf Hochtouren. Steht dagegen eine Uraufführung an, kalkuliert die Ballettdirektion das Defizit schon mal vorab; Avantgardisten fristen ihr Dasein sowieso im Dauer-Prekariat.
Denn allein der Klassiker, also das ballet d’action, das mit psychologischer Raffinesse eine (mehr oder minder) erkennbare Handlung erzählt, garantiert nach wie vor volle Kassen.
Mag die Welt in den letzten einhundert Jahren bis auf die atomare Ebene hinunter zerlegt und auf Schallgeschwindigkeit hinaufgepegelt worden sein – ihre Bewohner lassen sich wie eh und je am liebsten Geschichten erzählen, in Büchern, im Belcanto und im Ballett.
Welche Geschichten werden da zum Besten gegeben? Baumeln da nicht viele lose Enden umher, und kann der tanzende Körper überhaupt vermitteln, was ein Librettist ursprünglich zu Papier gebracht hat? In der ersten Blüte des Handlungsballetts waren sich die Autoren dessen ebenso wenig sicher wie heute. Wer im 19. Jahrhundert in die Oper ging, um einem spectacle dansé beizuwohnen, bekam ein livret in die Hand gedrückt, die Kurzfassung des ...
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Lang lebte die zeitgenössische Tanzszene von Erinnerungen. Zwei Generationen Tänzer hatten sich von Carolyn Carlson inspirieren lassen und/oder zehrten von ihren Studienaufenthalten in New York … Aber Neues spross wenig in Italien, während die Avantgarde von einst langsam ranzig wurde. Verrückt, denn Theater aller Größen und sogar vorsichtig neugieriges Publikum...
Wo ist die echte «Giselle»? 1841 wurde das Ballett in Paris uraufgeführt und erfuhr seine erste Veränderung schon ein Jahr später in St. Petersburg. Dort wurde es mehrfach «rekonstruiert», und es geschah, was den Leiter des Deutschen Tanzarchivs Köln, Frank-Manuel Peter, nicht wundert, dass die Choreografie der «Giselle» dem Geschmack der Zeit angepasst wurde....
Wenn sich etwas (oder jemand) als «Bruch» präsentiert, sollte man ihm miss-trauen. Weil die Theater und Festivals zwar neu, anders und radikal sein, doch immer ihre Zuschauermassen befriedigen müssen, zeigen sie jeden Künstler, der verspricht, nicht nur nackt zu sein (was längst nicht mehr radikal ist), sondern weiter zu gehen, nämlich der eigenen Haut treu zu...
