Zauberer
Bei den Proben zum letzten Akt von «Der Widerspenstigen Zähmung» gibt der Choreograf seinen beiden Stars ein paar knappe Anweisungen: «Also, das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich bei dieser Diagonalen möchte, dass Marcia hier oben ist, dann hierhin und dorthin wechselt und dann dort landet.» Spricht‘s und geht in die Kantine, die sein Büro ist: Tisch, Aschenbecher, Kreuzworträtsel. Besagte Marcia – Nachname: Haydée – bleibt mit ihrem Partner «Ricky» alias Richard Cragun im Ballettsaal zurück und erarbeitet ein ganzes Repertoire an Hebungen.
Irgendwann kreuzt der Chef wieder auf und setzt die Choreografie zusammen – perfektes Teamwork, möchte man meinen.
Aber das, was Marcia Haydée hier erzählt, ist sehr viel mehr: tiefes Vertrauen, wortlose Verständigung, eine Art gemeinsame Herzfrequenz, auf die John Cranko sein Stuttgarter Ballett eingepegelt hat. Fünfzig Jahre nach seinem Tod ehrt die Kompanie den Mann, den Künstler, der ihren Weltrang und ihre bis heute ungebrochene Ausstrahlung begründet hat. «John Cranko: Tanzvisionär» ist eine wunderbare, erhellende und ergreifende Lektüre. Weil sie dem Ballettzauberer, dem auch wir einen Teil unseres tanz-Jahrbuchs 2023 gewidmet haben, ...
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Tanz Dezember 2023
Rubrik: Traditionen, Seite 57
von Dorion Weickmann
FILME ZUM FEST
Von historischer Klassik bis Neukreation – saisongemäß lässt sich ein weihnachtskugelbuntes Tanzprogramm bestaunen. Manches findet sich nur im Netz, anderes auch im TV. Es beginnt am 16. Dezember mit einem «Schwanensee» vom Feinsten: Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn tanzen, dem legendären Ballerino ist zudem auch eine Doku gewidmet. Tags darauf...
Einsam steht John Cranko vor dem Opernhaus, schaut über den menschenleeren Park aufs beleuchtete Stuttgart hinüber. In der Ferne kommt ein Tänzer ins Bild, dehnt suchend die Arme, hebt resigniert die Hände. Sechs Paare gleiten an ihm vorbei und scheinen ihn gar nicht zu bemerken. Seine tiefe Einsamkeit wird dem Choreografen hier zur Inspiration für sein Spätwerk...
Er liebt die große Show. Don Quijote genauso wie sein Choreograf: Giuseppe Spota versetzt den Ritterroman-Fantasten aus dem Spanien des frühen 17. Jahrhunderts als ruhmsüchtigen Sänger Don auf die Musikbühne («Ich brauche Kameras!»). Und der Leiter der Gelsenkirchener MiR Dance Company spart dabei nicht an Spotlight und Trommelwirbeln. Womit weniger die Sounds von...
