Wokeness
Ein Gespenst geht um in den Kulturredaktionen Europas, ein Spuk namens Wokeness.
Anscheinend handelt es sich um eine sehr mächtige Erscheinung, jedenfalls fürchten die Kulturredakteure (bewusst nicht gegendert), dass Wokeness Kindergeschichten über Native Americans verbietet, dass Triggerwarnungen die Programmhefte verschandeln, dass Gendersternchen jeden Text unlesbar machen, dass ein angesehener Choreograf sich plötzlich verteidigen soll, weil seine über 30 Jahre alte «Othello»-Choreografie womöglich ein paar problematische Elemente beinhalten könnte (tanz 1/23). Schlimm ist das, da muss man etwas dagegen unternehmen! Weswegen die Kulturredaktionen plötzlich zur Speerspitze im Abwehrkampf werden, gemeinsam gegen die kunstferne, zensierende Wokeness!
Allerdings haben all diese ach so kulturzerstörerischen Missstände mit Wokeness überhaupt nichts zu tun. Ursprünglich stammt der Begriff (den man tatsächlich diskutieren könnte, «erwacht» klingt doch sehr nach Zeugen Jehovas!) aus emanzipatorischen Kreisen in den USA der 1930er-Jahre, er bezeichnete ein «erwachtes» Bewusstsein für Rassismus und soziale Ungerechtigkeit. Und auch seine Renaissance ab 2014 hat mit diesem Themenkomplex ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Februar 2023
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Falk Schreiber
In «Giselle» geht es um soziale Unterschiede. Die Liebe zwischen der Titelheldin und Albrecht scheitert an den gesellschaftlichen Barrieren und der Feigheit des Mannes, zu seiner nicht standesgemäßen Liebe zu stehen. Hier setzt die Neuinterpretation des schwedischen Choreografen Pontus Lidberg am Theater Basel an. Bei ihm geht es nicht wie im Originallibretto um...
Barbusig sitzt die dunkelhaarige Frau im Schneidersitz, auf den Knien ein Schwert, der Blick selbstbewusst auf den Betrachter gerichtet: Kunst, Tanz, Verführung, und, auch das, Gewalt. Der nackte Oberkörper mag erotisch aufgeladen sein, der Blick die Grenze zwischen Bild und Betrachter überwinden, aber die Klinge des Schwerts blitzt bedrohlich. Bruno Piglheins...
Vancouver, British Columbia: In Kanadas westlichster Provinz, an den kalten Pazifikstränden zu Füßen der North Shore Mountains, brennen zwei Menschen für eine gemeinsame Tanz-Vision. David Raymond und Tiffany Tregarthen sind buchstäblich besessen von der Physik des bewegten Körpers ebenso wie von jenen inneren Seinszuständen, die diese Bewegung mit Farbe erfüllen....
