Vollkommen unvollkommen
Ich habe das Glück, ein ziemlich kleiner Mensch zu sein. Meine Hosen kaufe ich in der Kinderabteilung – viel günstiger, zumal keine zusätzlichen Kosten beim Kürzen der Hosenbeine anfallen. In den Garderoben ist zumeist ein Spiegel. Mehr nicht. Ich bin 45 Jahre alt. Hosen aus der Kinderabteilung sind ok – zumal es sogar dort noch Hosen ohne Risse und Löcher zu kaufen gibt. Oberteile mag ich aber doch lieber in einer Damenoberbekleidungs-Abteilung suchen, gerne auch mal, wenn‘s der Geldbeutel zulässt, in einer kleinen Boutique.
Ich gebe zu, dass ich beim Kauf von Oberteilen immer wieder der Eitelkeit erlegen bin, ein paar einfache Ports de bras zu machen, um zu sehen, wie der Stoff in Bewegung so fällt. Irgendwann gab es in einem netten kleinen Laden dieses erste Mal: Die dortige 3D-Vielfachverspiegelung in der mit Pink-Plüsch-Sessel ausgestatteten Garderobe zeigte mir mit einer fast boshaft anmutenden Selbstgefälligkeit die ersten Spuren der Unvollkommenheit meines Körpers. Zwischen Delta-Muskel, Schulterblatt und Schlüsselbein, wo einst sanft definierte Linien von Muskel und Sehnen ein harmonisches Bewegungsspiel erscheinen ließen, – nun drei bis vier kleine Fleischröllchen. «Au ...
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Tanz Juli 2017
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Nina Kurzeja
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verspürten viele den Drang, sich durch Bewegung mitzuteilen. Zu ihnen gehörte der 1902 geborene Sigurd Leeder, der schon als Kind einer gehörlosen Spielkameradin allein mit seiner Körpersprache Geschichten erzählte. Leeder begann eine Ausbildung zum Grafiker an der Kunstgewerbeschule in Hamburg, brach sie vor dem Diplom ab und trat...
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