Verschwinden
Das männliche Prinzip steckt in der Krise, auch im Tanz. Das George Balanchine zugeschriebene Motto «Ballet is Woman» war immer schon eine gendernormative Verkürzung. In Zeiten von durchlässig gewordenen Geschlechtergrenzen ist es grundfalsch. Wenn sich aber Männlichkeit neu finden will, dann muss man erst einmal definieren: Was will, was kann ein Mann sein?
Die Ausstellung «Gemachte Männer» im Cottbuser Dieselkraftwerk befasst sich mit «Körper, Gestus, Habitus maskuliner Bildwelten», in Malerei und angrenzenden Künsten.
Gezeigt werden Objekte aus der eigenen Sammlung von der Weimarer Republik bis zur Gegenwart. Schon im Titel wird deutlich, dass Männlichkeit eine Konstruktion ist. Als interessant erweist sich die Konstruktion der Konstruktion. So sieht man ein Plakat für die Filmbiografie «Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse» (DDR, 1955): Arbeiteraktivist Thälmann wird hier in Untersicht mit festem Blick, aufrechtem Oberkörper und geschlossenen Fäusten dargestellt – einer, der weiß, wo es lang geht.
Thälmann erscheint aus propagandistischer Perspektive als Arbeiter von soldatischer Disziplin. Wie brüchig dieses Männlichkeitsimage ist, zeigt ein Ölgemälde mit vergleichbarer Militärmotivik, diesmal allerdings in verinnerlichter Variante: Auf Günther Friedrichs «Bildnis des Soldaten Wladimir Puschkarjow» (1967) ist ein junger russischer Offizier zu sehen, mit in sich gekehrtem, melancholischem Blick. Soldatisch ist das immer noch, aber heldisch ist daran nichts mehr. Und während sich Friedrich in Richtung Melancholie bewegt, wählen Manfred Pietsch und Harald Metzkes ironische Blickwinkel: Pietschs Lithografie «Autokult V» (1976) und Metzkes’ Aquarell «Moped Reparatur» (1974) porträtieren Männer, die sich mit Leidenschaft ihren Fahrzeugen widmen und gerade wegen dieser Leidenschaft auf liebenswerte Weise lächerlich wirken.
Liebenswerte Lächerlichkeit – was nach einem Widerspruch klingt, findet seine Entsprechung in sich zunehmend auflösenden, festen, muskulösen Männerkörpern. Etwa in einer titellosen Tuschearbeit von Max Uhlig, bei der das Männerporträt zwischen expressiven Strichen zu verschwinden beginnt (1983). Oder ganz konsequent in Norbert Biskys von Techno- und Clubkultur beeinflusstem Ölgemälde «Extase» (2008). Der Männerkörper diffundiert hier in Rausch und Farbe, in Beats und Sound zu einem geschlechtslosen Wesen, fluide und lustbetont. Nachdem er verschwunden ist, setzt er sich neu zusammen. Ironie dieser Entwicklung: Männlichkeit als Konzept hat durchaus eine Zukunft. Und diese Zukunft verwirklicht sich in der Ekstase, im Tanz. «Ballet is Woman?» Ganz und gar nicht.
«Gemachte Männer. Körper, Gestus, Habitus maskuliner Bildwelten», Cottbus, Dieselkraftwerk – Brandenburgisches Landesmuseum für Moderne Kunst, bis 17. Mai; www.blmk.de
Tanz Mai 2026
Rubrik: Bewegung, Seite 4
von Falk Schreiber
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