Michal Sedláček «Medea»
Ihr Name steht in großen Lettern auf dem schwarzen Vorhang, der sich sogleich zu Meeresrauschen und Möwengeschrei öffnet. Um die komplexe Figur der mythologischen Medea, deren Racheakt im Kindsmord gipfelt, geht es allerdings kaum in den folgenden eineinhalb Stunden. Vielmehr wird sie zu einer Projektionsfläche, um auszuloten, was es bedeutet, als Fremde in ein neues Land zu kommen. Verhandelt wird: der Konflikt zwischen dem Bewahren der eigenen, zurückgelassenen Kultur und der Integration in eine neue.
Der Hallenser Ballettdirektor Michal Sedláček lässt sein Stück bei der Ankunft in Korinth beginnen. Wie Euripides in der literarischen Vorlage klammert er die Vorgeschichte von Medea, ihrem Mann Jason und den beiden gemeinsamen Kindern aus – obwohl die nicht unerheblich ist für das weitere Geschehen. Medea half Jason und den Argonauten auf der Jagd nach dem Goldenen Vlies nicht nur einmal aus der Patsche, brachte blutige Opfer und verlangte umgekehrt Jasons Treueschwur. Nachdem die Familie aus Medeas Heimat fliehen musste, nun also Anlandung in Korinth, Heimat Jasons.
Die kulturellen Marker werden über Kostüm und Tanz sichtbar: Medea und die Kinder elegant in Schwarz und Gold mit Fransenhut. Sie ist die Einzige, die in Spitzenschuhen tanzt und geradlinig im Ballettvokabular bleibt. Die Korinther dagegen tanzen zeitgenössisch, hier und da blitzt Kampfkunst hervor, die Auftritte in wallenden Pastellroben stets begleitet durch brachiale Percussion von Les Tambours du Bronx. Herrscher Kreon ist Autoritätsperson durch und durch, seine Tochter Glauke die Sympathieträgerin des Stücks – nicht nur dramaturgisch, sondern auch tänzerisch, mit ihren federleicht fließenden Linien. Glauke und Jason kennen sich noch aus der Kindheit, beim Wiedersehen wird sofort klar, dass die beiden auf einer Wellenlänge liegen. Medea, kurzerhand aufs Abstellgleis geschoben, schmiedet, anders als bei Euripides, keine Mordpläne gegen Glauke. Vielmehr versucht sie – trotz aller Distanz – mithilfe ihres magischen Hutes die Symptome einer Krankheit zu lindern, an der Glauke leidet. Doch vergeblich: Glauke stirbt. Die Fremde wird verdächtigt, das Volk steigert sich in einer intensiven Sequenz in Trauer und Hass hinein. Von Jason alleingelassen, sieht Medea den Treueschwur gebrochen. Der drohende Entzug der Kinder, die sich, anders als die Mutter, schon sichtlich eingelebt haben, bringt sie über den Kipppunkt.
Bis auf einen kurzen Moment direkt vor dem Kindsmord bleibt die Hauptfigur unnahbar – was bedauerlich ist, aber zeigt, dass Sedláčeks Konzept aufgeht: Als «Fremde» wird Medea missverstanden, bekommt keine Chance, sich einzufügen, ohne ihre Identität aufzugeben. «Medea» wird in Halle zum Tanz mit subtilem Fingerzeig.
Wieder Oper, 10., 16., 25. Mai; www.buehnen-halle.de
Tanz Mai 2026
Rubrik: Kalender, Seite 38
von Johanna Rau
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