Utopien

Was wird aus den künstlerischen Beziehungen zu Russland? Die Choreografin Sasha Waltz und der Kulturmanager Jochen Sandig im Gespräch mit Sandra Luzina

Sie haben beide künstlerische Verbindungen nach Russland. Was ging in Ihnen vor, als Sie vom russischen Angriff erfuhren?
Sasha Waltz: Ich war erschüttert. Ich steckte noch mitten in den Proben zu «SYM-PHONIE MMXX», und natürlich haben wir das Geschehen auch in diesem Rahmen diskutiert. Am Tag des Angriffs haben wir die Probe mit einer Schweigeminute begonnen, weil das so einschneidend für uns alle war.
Jochen Sandig: Ich wäre eigentlich am Tag des Kriegsausbruchs in Russland gewesen – der Dirigent Teodor Currentzis gab zu seinem 50.

Geburtstag ein Konzert in Sankt Petersburg, ausgerechnet Beethovens 9. Sinfonie. Ich habe mich dann doch gegen diese Reise entschieden und hörte morgens um fünf Uhr die Nachrichten im Radio – eine Stunde davor hatte der Angriffskrieg begonnen. Die erste Person, mit der ich sofort in Kontakt trat, war die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv. Seitdem sind wir in stetigem Austausch. Sie ist sehr aktiv als künstlerische Botschafterin für ihr Land.

Sasha Waltz & Guests haben sich 2015 für Geflüchtete aus Syrien engagiert. Setzen Sie sich jetzt auch für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine ein?
Waltz: Ja, wir konnten an unsere Erfahrungen von damals anknüpfen. ...

Sasha Waltz choreografiert «SYM-PHONIE MMXX»

Vom linken Bühnenrand gleiten die Tänzer*innen mit langsamen Seitwärtsbewegungen auf die Bühne. Es werden immer mehr. Zuerst mutet es wie ein ruhiger Strom aus Leibern an. Aber schon bald denkt man an einen Treck von Schutzsuchenden, der kein Ende zu nehmen scheint. «SYM-PHONIE MMXX» sollte eigentlich der Einstand von Sasha Waltz als Ko-Intendantin des Staatsballett Berlin werden. Wegen des ersten Lockdowns musste die Premiere im April 2020 abgesagt werden. Mit zweijähriger Verspätung erlebte das Werk nun seine Uraufführung in der Staatsoper – getanzt von Sasha Waltz & Guests, koproduziert vom Staatsballett Berlin.

Alles ist groß gedacht bei diesem Projekt. Die Komposition von Georg Friedrich Haas kann man schwerlich als «Ballettmusik» bezeichnen. Sie besteht aus massiven Klangflächen; aufgebaut wird eine bedrohliche Wand aus Tönen, die auf den Körpern lastet. Sasha Waltz hat für «SYM-PHO-NIE MMXX» große kollektive Bilder entworfen. Dass sie das kann, hat sie schon oft bewiesen; teilweise wirkt die neue Arbeit wie ein Resümee ihres eigenen Schaffens. Die 21 Tänzer*innen bilden einen Pulk oder schreiten in einer Prozession die Diagonale ...

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Tanz Mai 2022
Rubrik: Ukraine-Krieg, Seite 12
von Sandra Luzina

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