Urs Dietrichs «Infini»
Tödlich erschrocken stürzt die Frau durch den Zuschauerraum auf die Bühne, trommelt in wilder Angst gegen den eisernen Vorhang. Der öffnet sich. Dunkel verschlingt sie. Auch Kunst vermag nicht Trost oder Zuflucht zu spenden. Sie ist rachenartig, ein schwarzes Loch. Speit Menschen aus und saugt sie wieder auf. Mit «Infini» nimmt Urs Dietrich seinen Abschied als künstlerischer Direktor des Bremer Tanztheaters. Ein Ende, und kein Ende. Er bleibt als Choreograf in Residenz dem neu formierten Ensemble (vier Tänzer gehen) verbunden.
Es kooperiert künftig unter dem Dach der Tanzcom-pagnie Nordwest mit dem Tanzensemble am Staatstheater Oldenburg, geleitet von Kulturmanager Honne Dohrmann und Dramaturgin Patricia Stöckemann. Der scheidende Intendant Klaus Pierwoß fürchtet um das künstlerische Eigenprofil und bezeichnete die Dietrich-Uraufführung als «nicht ganz zufälliges letztes künstlerisches Lebenszeichen eines Bremer Tanztheaters, das es so nicht mehr geben wird.»
«Infini» – eine albtraumhaft lastende Ansicht des unendlichen Leidens in der Welt zu Gioacchino Rossinis selten musizierter und noch nie im Theater inszenierter «Petite Messe Solennelle» – repräsentiert ein Konzentrat von ...
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«Madame Bovary – das bin ich», sagte Flaubert. Könnte auch Maurice Béjart sagen. Wer immer in seinem Werk auftaucht, ist auch Maurice Béjart. In vielen seiner Ballette inszeniert er sich sogar unverblümt als Ich. Schon in «Gaîté parisienne» (1978) tritt er in Gestalt des jungen Bim auf, der sich nach Paris aufgemacht hat, um dort seine Ausbildung als Tänzer zu...
Die spartenübergreifende Arbeit am Theater ist mal wieder in aller Munde:
1. Weil erfolgreiche Kollegen nach langen Jahren ihre Verträge aufkündigen, da ein neuer Intendant Einsätze des Ballettensembles in Musical und Operette verlangt, oder 2. Weil immer noch manche Intendanten argumentieren, der Tanz würde die Operette zu seiner Rechtfertigung brauchen.
Letzteres...
Dichte Nebelschwaden steigen aus den Flussauen entlang der Marne. Von den Weinbergen der Region ist nichts zu sehen. Es ist Ende Mai – es könnte ebenso gut ein dampfend-feuchter Herbstmorgen sein. Der Zug braucht neunzig Minuten von Paris Richtung Osten ins Herz der Champagne – nach Châlons, das bis vor ein paar Jahren noch Châlons-sur-Marne hieß und sich in...
