Tanzen, um zu überleben
Deborah Hay hat eine einnehmende Stimme. Sanft im Ton, klar in der Sprache. Sie kann bestimmend werden, wenn es um ihre Überzeugungen geht; ungeduldig, wenn sie jemand mit 08/15-Fragen langweilt. Rumschwafeln, Allgemeinplätze austauschen – Zeitverschwendung. Sie gehört zu den Künstlern, die schnellen Antworten misstrauen- und lieber schweigen, noch einmal nachdenken, bevor sie ihr Wissen, ihre Erfahrungen in Worte kleiden. Sie spricht gerne genau. Zum Beispiel nennt sich die Retrospektive, die das Festival «Tanz im August» ihr zu Ehren in diesem Jahr veranstaltet, «RE-Perspective».
Denn «Retro(spektive)» gleich rückwärtsgewandt ist für die 1941 in Brooklyn geborene Tänzerin und Choreografin keine interessante Bewegungsrichtung. Debora Hay verbindet ihre Vergangenheit mit ihrer Gegenwart. 1968 mit 2019. Denn was 1968 in Manhattan geschah – und mit besagtem Jahr startet die Berliner Werkschau –, findet sich in ihren Erinnerungen wieder. Ja, aber nicht 1 : 1 in ihrem Körper. Der hat sich aufgrund ihrer Arbeit als Tänzerin, als Choreografin Jahr um Jahr verändert: «Die veränderten Bewegungsmuster haben meinen Körper choreografiert», sagt Deborah Hay, und davon handelt ihr neues Solo: ...
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Tanz August/September 2019
Rubrik: Menschen, Seite 31
von Claudia Henne
Es gibt noch Stücke, die Grenzen verschieben und die Welt der Kunst ein Stück weit verändern. «Bilderschlachten» von Stephanie Thiersch bietet solch ein Erlebnis, ganz überraschend und daher umso intensiver. Selbst in einem Jahrhundert revolutionärer Tanzgeschichte ist eben doch noch nicht alles probiert, realisiert und abgehakt worden. Die «Bilderschlachten» toben...
«Ihr Werk erinnert an die saubere Schmutzigkeit eines Neugeborenen oder von Sex, von etwas Innerem, das immer noch ein Mysterium birgt und ist.» Diesen schönen Satz sagt der portugiesische Dramatiker Luís Mário Lopes gegen Ende eines Gesprächs mit der Schriftstellerin Dulce Maria Cardoso über Mónica Calles Arbeiten. Cardoso fügt an: «Melodie und Muskel.» Und Lopes:...
CD des Monats: Magna Sequentia
Eine «große Tanzsuite» sucht man im Bach-Werke-Verzeichnis vergeblich. Es gibt gleich sechs Partiten, jede Menge Suiten. Aber eine «Magna Sequentia», deren ersten Teil uns Sonia Rubinsky hier vorstellt, hat Johann Sebastian Bach nie komponiert, und doch handelt es sich dabei um keinen Etikettenschwindel. Die brasilianische Pianistin...
