CD, DVD, Buch 8/9/19

CD des Monats: Magna Sequentia

Eine «große Tanzsuite» sucht man im Bach-Werke-Verzeichnis vergeblich. Es gibt gleich sechs Partiten, jede Menge Suiten. Aber eine «Magna Sequentia», deren ersten Teil uns Sonia Rubinsky hier vorstellt, hat Johann Sebastian Bach nie komponiert, und doch handelt es sich dabei um keinen Etikettenschwindel. Die brasilianische Pianistin hat vielmehr auf ihrer CD einige seiner Tänze in der Form einer Suite zusammengestellt, die man fast eine Hitparade nennen könnte, hätten die beiden Beispiele gleich zu Anfang nicht etwas geradezu Meditatives.

Sie nehmen sich Zeit, lassen die Allemande erst allmählich aus dem kompositorischen Kontext heraus entstehen: sozusagen ein Selbstfindungsprozess der musikalischen Art. 

Auf die Allemande folgt gleich zweimal eine Courante. Die Aria wie eine Gigue entstammen den «Goldberg Variationen». Viele «Galanterien» hat die vielfach ausgezeichnete Pianistin in den Partiten gefunden; kein Wunder, hat Bach sie doch den «Liebhabern zur Gemüths Ergoetzung verfertigt», wie man auf dem Deckblatt des historischen Notendrucks lesen kann. Rubinsky interpretiert sie gleichwohl behutsam, überaus konzentriert, aber niemals vordergründig virtuos. So wird man hineingezogen in den Tanz – egal, ob es sich dabei nun um eine Sarabande, ein Menuett, ein Passepied, eine Gavotte oder eine Bourrée handelt. In der «Magna Sequentia» ist alles drin.

Hartmut Regitz

Johann Sebastian Bach: «Magna Sequentia I», Piano: Sonia Rubinsky;
www.naxos.com 


Buch: Dance me a song

Er sah sich als Außenseiter, sie betrachteten sich als Fortschrittsfraktion. Aber auf der Höhe ihrer Zeit bewegten sich sowohl Fred Astaire als auch die amerikanischen Pioniere des Ausdruckstanzes, etwa Martha Graham oder Doris Humphrey. Doch während die Damen sich  schnell als Hohepriesterinnen einer heiligen Kunst inszenierten, wurde der Herr zwar tonangebend in der Männermode, aber seiner Tätigkeit haftete allzu lange etwas Zweitklassiges an. War er doch kreativ einzig im Vaudeville, am Broadway und schließlich, wenngleich Maßstäbe setzend, in den Filmstudios von Hollywood.

Es ist das große Verdienst von Beth Genné, dass sie in ihrem klugen, dabei locker zu lesenden Buch «Dance Me a Song» genau diese Unschärfe gerade rückt und Astaire, aber eben auch seinen Konkurrenten Gene Kelly unter die Lupe nimmt. Dabei analysiert sie deren Verdienste um das US-Filmmusical ebenso wie um den Tanz schlechthin. Denn Astaire und Kelly waren nicht nur geniale Stepptänzer, vielmehr kreierten sie einen neuen Stil – Astaire elegant, Kelly sportiv. Auch der spätere Choreografie-Star George Balanchine flirtete mit den neuen Formen, die sich im Schmelztiegel New York aus einem Mix von Immigrantentänzen, afroamerikanischem Erbe und europäischem Ballroom nährten. So entstand Innovatives, Einzigartiges, Bahnbrechendes – spannend selbst noch beim Nachlesen. 

Manuel Brug

Beth Genné: «Dance Me a Song. Astaire, Kelly, Balanchine and the American Film Musical»; www.global.oup.com 

 

DVD: Ibsens «Gespenster»

«Peer Gynt» kennt jeder. Auch auf der Ballettbühne taucht er mit schöner Regelmäßigkeit auf. Die «Gespenster», ein anderes Theaterstück von Henrik Ibsen, sind dort kaum einmal zu finden. Zu wenig Handlung, heißt es, viel zu komplex die Geschichte, die sich eher in den Köpfen statt in den Körpern abzuspielen scheint. Kein Hinderungsgrund für Marit Moum Aune. Gemeinsam mit der Choreografin Cina Espejord hat die norwegische Regisseurin mit «Ghosts» den schier unlösbaren Versuch unternommen, den Untergang des Hauses Alving in bewegte Bilder zu fassen und dabei die «Gespens-ter» der Vergangenheit, von denen sonst nur die Rede ist, auch sichtbar zu machen.

Dass das auf diffizile, aber durchweg anschauliche Weise geschehen kann, beweist das Ballet noir binnen gut siebzig Minuten. Hochdramatisch geraten die vielen Duos. Zahlreiche Szenen besitzen symbolträchtige Sprengkraft, die Musik von Nils Petter Molvær geht ins Ohr. Und getanzt wird das psychologische Kammerspiel vom Norwegischen Nationalballett so motiviert, wie man sich das nur wünschen kann. Noch kennt Marit Moum Aune und Cina Espejord hierzulande niemand, aber das kann man ändern. Andreas Heise, der hier als Oswald wie auch als dessen Vater gleichermaßen überzeugt, wird man in Deutschland in Zukunft wohl häufiger begegnen: nicht mehr als Tänzer, dafür als Choreograf. Zum Beispiel in Stuttgart.

Hartmut Regitz

Marit Moum Aune, Cina Espejord: «Ghosts», Norwegisches Nationalballett; www.belairclassiques.com

 

Hommage: And so say all of us

Kettenbriefe haben kein gutes Renommee. Aber der hier verdient unbedingt Beachtung, haben ihn doch über fünfzig namhafte Choreografen verfasst, und zwar mit dem eigenen Körper. Nacheinander produzieren sie – allesamt in Rot gewandet – getanzte Blitzlichter vor Stadt- und Naturkulissen, in Innen- und Außenräumen. Eben dort, wo der Regisseur Mitchell Rose sie jeweils aufgesucht hat. «And so say all of us» heißt der Zehnminutenclip, den die Brooklyn Academy of Music ihrem im vergangenen Jahr ausgeschiedenen Künstlerischen Leiter Joseph V. Melillo als Abschiedspräsent überreicht hat. 

Im Netz kann nun jedermann das Geschenk bestaunen. Staunenswert ist nicht nur die Promi-Dichte von Lucinda Childs über Sasha Waltz bis Benjamin Millepied (siehe S. 20). Staunenswert ist vielmehr, dass da eine scheinbar alterslose Generation eigentlich schon historischer Performer – etwa die wunderbare Meredith Monk – vor die Kamera gegangen ist, um einen Mann zu ehren, der ganze Künstlerkohorten gefördert hat. Weshalb alle Beteiligten in die Botschaft einstimmen, die am Ende erklingt: «For he’s a jolly good fellow, and so say all of us!» 

Dorion Weickmann

Um den Film zu sehen, benutzen Sie diesen QR-Code oder www.mitchellrose.com

Clip des Monats: Makin‘ Moves

Kouhei Nakama ist Visual Art Director bei der japanischen Werbeagentur Wow. Unter seinen Fingerspitzen tanzen Marken wie Coca-Cola und Nike. Er kann aber auch Kunst. In «Makin’ Moves» geraten nicht die abgebildeten Tänzer, sondern deren Bilder in Bewegung. Nakamas Kunst: die Bildebenen so zu manipulieren, dass durch kleine Verschiebungen in den Bildachsen die Schulterblätter rotieren, Wirbelsäulen sich aufrichten, der tanzende Oberkörper sich vom Becken löst, der Körper wie aus Gummi bald ein Eigenleben führt, sich vervielfältigt und so eindrucksvoll wie ein Schwarm Sardinen durchs Bild schwimmt.


Im Kino: Nurejew – The White Crow

«Im Ballett geht es um Regeln, um Disziplin!», bekommt der junge Tänzer Rudolf Nurejew in seiner Ausbildung am Choreografischen Institut Leningrad eingebläut. Aber weil der Junge einen unbändigen Freiheitsdrang hat und wegen seiner provinziellen Herkunft in der Bühnenwelt ohnehin ein Außenseiter bleibt, eine «weiße Krähe», kann er auch gleich über die Stränge schlagen. Also den Lehrer verprellen und sich der Tanzlegende Alexander Puschkin anschließen, die Tänzerkollegen großmäulig diskreditieren, und nachts durch Kneipen ziehen. Regeln und Disziplin jedenfalls sind nicht das, was Nurejew interessiert.

Ralph Fiennes’ Filmbiografie «Nurejew – The White Crow» (tanz 3/19) kommt zunächst als klassische Angry-Young-Man-Geschichte daher: Da ist ein Künstler, dessen Talent mehr behauptet als gezeigt wird, und der leistet sich dementsprechend eine gewisse Unangepasstheit. Freilich unter verschärften Bedingungen: Wir befinden uns in der Sowjetunion der frühen 1960er-Jahre, da ist kein Platz für jugendliches Aufbegehren, und als Nurejew mit dem Kirow-Ballett auf Tour in den Westen geht, sind die mitreisenden KGB-Aufpasser bereits geeicht auf die Eskapaden ihres Schützlings im Pariser Nachtleben. 

Der ukrainische Tänzer Oleg Ivenko verkörpert Nurejew mit mimikryhafter Genauigkeit, zeigt einen Wirrkopf, der gar nicht versteht, dass seine Unbedingtheit die Sphäre der jugendlichen Rebellion längst verlassen hat und politischen Charakter annimmt. Fiennes’ Film verlässt sich ab diesem Punkt auf eine klassische Spannungsdramaturgie, langsam legt sich die Schlinge des Staatsapparats um Nurejews Hals, und die Frage, ob er die Bedrohung erkennt, ist beim Zuschauen durchaus schweißtreibend. So kommt es schließlich zum historisch verbürgten Showdown auf dem Flughafen Le Bourget – und zur Flucht des Ballerinos in den Westen. 

Was dabei in den Hintergrund gerät, ist die Qualität von Nurejews Tanz: Obwohl er mit Ivenko einen Weltklassetänzer als Hauptdarsteller hat, scheint sich Fiennes für Ballett nicht wirklich zu interessieren. Die Tanzszenen des Films lassen sich an einer Hand abzählen, mehr als einen jungen Mann, der die Tanzkunst von der Skulptur her denkt, sieht man nicht. Im Dunkeln bleibt, was den Protagonisten zum Jahrhunderttänzer machte und damit auch, weswegen der KGB überhaupt ein nennenswertes Interesse an seiner Person hatte. Statt eines Tanzfilms hat der Hollywood-erprobte Fiennes einen Kalter-Kriegs-Thriller gedreht, der das Dekor des 20. Jahrhunderts exakt rekonstruiert und einen hoch motivierten Hauptdarsteller hineinstellt. Fiennes erzählt von der Nachkriegswelt. Über Tanz erzählt er nichts. 

Falk Schreiber

Ab 26. September im Kino; www.alamodefilm.de

Überblick: Geschichte des Tanzes

«Ich weiß leider gar nichts über Tanz!» Tanzliebhaber kennen dieses Sprüchlein aus dem Mund eines zum Partytalk verdonnerten Zeitgenossen aus dem Effeff. Auch vernehmen sie regelmäßig im Theater-Parkett den nachbarlichen Stoßseufzer: «Ich verstehe nur Bahnhof.» In beiden Fällen könnte Dagmar Ellen Fischers «Kurze Geschichte des Tanzes» nicht nur historiografisch Abhilfe schaffen, sondern geradezu aufklärerisch wirken: Von der Frühgeschichte saust die Autorin in Siebenmeilenstiefeln bis in die Gegenwart und vermisst dabei die kulturelle Bedeutung des Tanzes – über Europas Grenzen hinaus. 

Verständlich geschrieben, dabei von grafisch abgehobenen VIP-Zitaten und ansprechenden Abbildungen begleitet, leistet der Band feine Grundlagenarbeit. Ab und an wechselt Fischer von der Informations- auf die Kommentarschiene, so wenn sie die Feder gegen den Erben des Choreografen John Cranko spitzt. Aber hier wie überhaupt ist es ihr spürbar um die Sache zu tun, um ein Anliegen, dessen Zielvorstellung der Choreograf Martin Schläpfer im Vorwort so umreißt: «Mehr Wissen zu besitzen, bedeutet in der Regel, dass Respekt und Wertschätzung steigen.» Auf Wissensvermittlung will Fischers Überblick hinaus, der sich im Übrigen auch eignet, um eingetrübte Wissensbestände wieder aufzufrischen. 

Dorion Weickmann

Dagmar Ellen Fischer: «Eine kurze Geschichte des Tanzes»; www.seemann-henschel.de 


Tanz August/September 2019
Rubrik: Medien, Seite 58
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