Tanz als Tarnung

Im Januar ist der Choreograf Tom Schilling im Alter von 97 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Volkmar Draeger und eine persönliche Erinnerung von Gonzalo Galguera

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Welch entscheidende Rolle er als Choreograf spielen sollte, war dem am 23. Januar 1928 im thüringischen Esperstedt geborenen Tom Schilling nicht in die Wiege gelegt. Kinderballett in Dessau, nach Arbeits- und Kriegsdienst 1945 Solist an der Staatsoper Dresden, begeisterter Unterricht bei Dore Hoyer und, ab 1946, in Leipzig bei Mary Wigman: all diese Einflüsse sollten seine Tanzerfindung befeuern – schon beim Erstengagement am Nationaltheater Weimar, dann 1956 bis 1964 als Ballettdirektor an der Staatsoper Dresden, wo neben «Abraxas» sein «Schwanensee» Furore machte.

Schillings Wendejahr wurde 1965: Walter Felsenstein berief ihn an die Komische Oper Berlin.

Fast zweieinhalb Dezennien, bis zum Rückzug 1994, prägte er mit seiner choreografischen Handschrift den Bühnentanz in der DDR. Er strahlte weit in die östliche, bisweilen in die weniger gnädig gestimmte westliche Hemisphäre mit seiner Auffassung von einem realistischen Tanztheater aus, verstanden als Tiefenlotung in gegenwärtige menschliche Gefühlsregungen, mitunter als gut getarnte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen im DDR-Alltag. Das betrieb er in drei Linien. Beispielhaft wurden seine abendfüllenden ...

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Tanz April 2026
Rubrik: Abschiede, Seite 56
von Volkmar Draeger und Gonzalo Galguera

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