Tänzer des Jahres
Schön sein kann jeder Tänzer, Hässlichkeit erfordert Mut. Der Australier treibt alles bis ans Limit und gibt deshalb auch ein Monster nach Maß für Liam Scarletts «Frankenstein» am Royal Ballet in London
Er hat einen feingliedrigen, fast femininen Körperbau, einen blassen Teint, dazu rotblondes Haar. Mit seiner hohen, feinen Stimme beantwortet er kultiviert und mit höflicher Zurückhaltung, dabei aber stets freimütig meine Fragen.
Wir treffen uns in einem ehemaligen, herzöglich anmutenden Rückzugsraum, gelegen in einem verborgenen Winkel des Royal Opera House von Covent Garden. Die Sonne, die durch das Fenster hereinfällt, verleiht seinem Haar eine feurig-rote Aureole. Dieser Eindruck passt vortrefflich zur glühenden Attacke, die der junge Australier auf der Bühne entfesselt – sei es in Heldenpartien des klassischen Repertoires oder bei einer seiner gefeierten Stepp-Einlagen, wenn seine Füße wie furioses Schlagwerk den Boden traktieren. Pures Adrenalin scheint der Treibstoff des rasanten Performance-Stils von Steven McRae zu sein. Woher nimmt er dieses atemberaubende Tempo?
«Ich bin in einer Vorstadt westlich von Sydney aufgewachsen, in der Nähe einer Rennstrecke, die nur etwa zehn ...
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Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Die Saison 2015/16, Seite 130
von Mike Dixon
Wer viel vom Nederlands Dans Theater gesehen hat, der wundert sich dann anderswo, dass Kostüme für abstrakte Ballette auch hässlich ausfallen können – dass sie Tänzer klein und gedrungen aussehen lassen oder die Ausdruckskraft der Körper durch lappige Fetzen stören. Selbst mit schmucklosen, einfachen Trikots kann man den Eindruck einer Neukreation beeinträchtigen....
Tanz verhandelt den Körper im Spannungsfeld von gelebter Materialität und sozio-historischem Konstrukt. Seit den früher 1990er-Jahren haben Choreografen den Dualismus von Körper/Geist hinter sich gelassen und ein prozessuales Verständnis vom Körper als einem dynamischen System wechselseitigen Austauschs entwickelt. Anders als der virtuose, unverwundbare,...
weiß genau, wann die Kunst Ernst macht. Mit treffsicherem Gespür für den Moment wird ein Hundewelpe auf die Bühne gebracht, einer der Protagonistinnen in den Arm gelegt, die ihn zärtlich krault und dem Publikum präsentiert, bevor er wieder weggetragen wird. Nach absurder Selbstbespiegelung und chaotischer Tänzelei ist die Welt wieder Ordnung, der Sinn wieder...
