Stop it!
Das Konferenzzimmer im Probenhaus am Münchner Platzl, wo das Bayerische Staatsballett gleich neben dem Hofbräuhaus residiert: Osiel Gouneo, Principal der Kompanie, gibt ein Interview am anderen. Ohne die Geduld zu verlieren. Er nimmt sich Zeit, antwortet gerade heraus, legt zwischendurch ein paar Schritte aufs Parkett – eine Stunde vergeht wie im Flug. Und lehrt eines: Der Mann, der längst auf den großen Bühnen der Welt zuhause ist und Heldenrollen von «Spartacus» bis «Onegin» spielt, weicht keinem Konflikt aus – wenn es ums schiere Ethos geht.
Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Ignoranz? Hat er alles erlebt. Und allem die Stirn geboten.
Osiel Gouneo, Sie haben in ihrer kürzlich erschienenen Autobiografie «Black Romeo» verschiedene Macht-Motive angesprochen – bevor wir darauf kommen, springen wir mal weit zurück in die Geschichte: Das Ballett ist ein Kind des Absolutismus, eine Erfindung des Sonnenkönigs und seiner unumschränkten Herrschaft, also dessen, was heute als weißer elitärer Klassismus firmiert. Steckt das noch immer in seinen Knochen?
Durchaus. Für eine Menge Choreografen ist es immer noch schwer, sich Menschen wie mich in der Rolle eines Prinzen, eines Aristokraten ...
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Tanz Jahrbuch 2024
Rubrik: Macht, Seite 55
von
Die Machtfrage stellt sich überall, jeden Tag. Auch im Tanz. Mehr denn je hat die Antwort mit Verantwortung zu tun: Wer führt wo, wie und warum? Wie entsteht Vertrauen? Was geschieht im Krisenfall? Wohin entwickelt sich der ästhetische Pluralismus? In welchem Spannungsfeld bewegt sich der Körper, und wie viel Druck lastet auf dem System? Nicht zuletzt: Wo und wann...
2004 wurde das Staatsballett Berlin gegründet – auf den Trümmern der Kompanien von Deutscher Oper, Staatsoper Unter den Linden und Komischer Oper. Die Idee: eine eigenständige Kompanie mit eigenständigem Intendanten auf A-Klasse-Niveau und, in berlintypischer Selbstüberschätzung, auf Augenhöhe mit Paris, New York, Sankt Petersburg zu haben. Die weniger Geld kosten...
Das Opera Ballet Vlaanderen hat die internen Hierarchien abgeschafft. In den Programmheften stehen unter den Fotos der Tänzerinnen und Tänzer keine Ränge mehr. Alle sind jetzt sozusagen Principals, oder alle sind Mitglieder des Corps de ballet – je nachdem, wie man es betrachten möchte. Was eher ins Auge sticht, ist die Diversität des Programms selbst: Die Kompanie...
