SOS
In sich versunken, stehen die beiden einfach nur da. Xuan Shi ist der Erste, der seine Sinnesorgane stimuliert. Einen Finger um den anderen führt er bedeutungsvoll auf die Augen, so wie es anschließend Niannian Zhou mit den Ohren tut. Die Nase wird nicht ausgelassen. Ebenso wenig der Mund, der sich daraufhin stumm öffnet. Ein Akt der Bewusstmachung, mit «zärtlicher Langsamkeit» ausgeführt, wie die Tempobezeichnung im Untertitel zu «SOS» lautet.
1991 hat Gerhard Bohner das Duo für Dieter Baumann und Jutta Hell choreografiert, die seine letzte Arbeit jetzt im Rahmen eines TANZFONDS ERBE-Projekts an ihre Nachfolger weitergeben: nicht einfach nur als das Vermächtnis eines Grenzgängers und Einzeltänzers im bundesdeutschen Ballettgeschäft, sondern als ein beispielhaftes Lehrstück, zu dem Franz Mon im Nachhinein eine Vorlage liefert.
So wie der Autor in seinem Text aus dem Buch «herzzero» Menschen versachlicht und Beziehungen zerlegt, um dadurch existenzielle Banalitäten in einem überraschenden Licht aufleuchten zu lassen, schärft auch Bohner die Wahrnehmung, indem er die Szene so entschleunigt, als wollte er nicht ohne Ironie das «Rubato» im Titel der ausführenden Tanzkompanie auf ...
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Tanz Juni 2018
Rubrik: Traditionen, Seite 59
von Hartmut Regitz
Choy Ka Fai ist ein Doktor der Zukunft. Gekleidet in Arzt-Weiß, vertraut mit einem futuristischen Instrument: Ember Jello. Diese Wunderkiste ist der Prototyp einer Datenbank, die der asiatische Medienkünstler, ausgebildet in Singapur und London, mit allerlei wunderlichen Informationen gefüttert hat. Sein mit künstlicher Intelligenz ausgestatteter Assistent kennt...
Wenn Gustav von Aschenbach auf Tadzio schaut, tut sich ihm eine Welt auf, in der gestern, heute und morgen eins werden, das Vergängliche zu Schönheit wird und Schönheit zu Schrecken. Thomas Manns Novelle «Der Tod in Venedig» ist, wie ihr Autor vorschlug, als «Tragödie einer Entwürdigung» zu lesen, aber auch als Text über den Blick, über Wunsch und Wahrnehmung. Wir...
«Ras, dwa, tri, brisé» schallt es über die Bühne des Theaters am Potsdamer Platz. Ein knappes Dutzend Tänzer und Tänzerinnen ist dort versammelt. Sie bewegen sich auf das Kommando von Aleksandra Tikhomirova, ihres Zeichens Choreografin und Trainerin des Bolschoi Staatsballetts Belarus aus Minsk. Das ist auf Europatournee, im siebten Jahr bereits. Es zeigt sein...
