Sankt Petersburg: Wim Vandekeybus «Mockumentary of a Contemporary Saviour» on tour
Wim Vandekeybus entwirft in seinem neuen Stück «Mockumentary of a Contemporary Saviour» eine babylonische Dystopie. Weil hier bewusst nichts übersetzt wird, entsteht tatsächlich der Eindruck eines Sprachengewirrs. Alle sieben Darsteller nämlich sagen Berge von Text auf, in ihrer Muttersprache. Sie werden mit ihren privaten Klarnamen angesprochen und bilden einzeln eine jeweils unverwechselbare Sprachinsel, auf der sie ihr kulturelles Erbe in Gestalt eines Narrativs zu bewahren suchen: ein Mikrokosmos als Vielvölkerstaat unvereinbarer Gegensätze.
Dass die Performer leider nicht besonders gut sprechen können, hängt damit zusammen, dass sie hörbar keine Ausbildung dafür haben. Aber nicht nur Freunde professionellen Sprechtheaters – und davon gab es etliche bei der Deutschlandpremiere im Münchner Residenztheater anlässlich der Tanzbiennale «Dance» – sind froh, wenn die Performer dieses Bühnenzwitters zwischendurch mal den Mund halten und tanzen, was man ja eigentlich von ihnen erwartet.
Das sieht dann grotesk aus, ja richtig freakig, zum Beispiel wenn der hünenhafte Flavio D’Andrea die vergleichsweise winzige Yun Liu ein ums andere Mal senkrecht in die Höhe lupft oder andere ihre ...
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Tanz Juli 2017
Rubrik: Kalender und Kritik, Seite 50
von Eva-Elisabeth Fischer
Der Rollback in die 1960er-Jahre, als die Performancekunst Museen und Galerien eroberte, ist inzwischen in vollem Gang, auch auf der ältesten Kunstaustellung Europas, der «Biennale di Venezia». Und das, obwohl es eine gesonderte Sektion, die «Biennale di Danza», gibt – in diesem Jahr geleitet von Marie Chouinard und wieder ohne eine einzige Uraufführung. 2005 ließ...
Amsterdam
Julidans
Warum tanzt der Mensch? «Weil ich den Worten nicht traue», sagt Kaori Ito, die ihren Vater zehn Jahre lang nicht gesehen hat. Die stumme Wiederbegegnung mit Hiroshi Ito, dem berühmten Maler aus Tokio, dürfte auf diesem Sommerfestival des zeitgenössischen Tanzes ebenso berühren wie diese Antwort: «Der Mensch tanzt, weil er dann keine Angst mehr...
Absurd viele Rosenkränze trägt sie um beide Unterarme. Sie drückt die Ketten ans Herz, taumelt und schlägt sich selbst. Camille Andriot stürzt auf einen Stuhl zu, als verspräche er Erlösung, und tollt wie befreit darauf herum. Dann richtet sich der verzweifelte Blick gen Himmel, und ihr Leib krümmt sich. Was das Hadern mit Gott und die Drangsal der Kirche mit den...
