Rituale: Lin Hwai-min

Haben Tanzkünstler einen Talisman oder ein Ritual, bevor sie in eine Premiere oder überhaupt auf die Bühne gehen? Wenn ja, welche Geschichte steckt dahinter? 19 Tanzkünstler haben uns geantwortet

Im September 1993 vor der Premiere von «Nine Songs» erhielt ich in meiner Garderobe ein Geschenk: eine vergoldete Buddha-Statue im Thai-Stil. Anstatt sie mit nach Hause zu nehmen, beschloss ich, sie bei meiner Kompanie, dem Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan, zu belassen. Wir errichteten ihr einen kleinen Schrein in unserem Studio und huldig-ten ihr jeden Tag.

Da Cloud Gate jährlich mehr als hundert Tage tourte, war ich in dauernder Sorge: Ich wollte, dass die Kompaniemitglieder heil und gesund zu ihren Familien zurückkehrten, sah mich aber außer Stande, sie persönlich vor Verletzungen und Unfällen zu bewahren. Also musste ich Buddhas Segen erbitten. Wir nahmen die Statue also ein paar Jahre lang auf unsere Reisen mit, bis ich eines Tages ein schlechtes Gewissen verspürte, dass wir Buddha solche langen Reisen und Flüge zumuten mussten. Damals ersetzten wir die Statue durch ein Porträt.

Immer wenn wir an einem Gastspielort ankamen, gehörte es zu meinen ersten Handlungen, in einer der Garderoben einen mit frischen, duftenden Blumen geschmückten Schrein zu errichten. Dort betete ich jeden Tag – direkt nach dem Betreten und kurz vor dem Verlassen des jeweiligen Theaters. Ich betete ...

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Tanz Jahrbuch 2019
Rubrik: Glücksbringer, Seite 14
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