radical wrong
Der Mann fühlt sich sichtlich unwohl. Ein paar durchgeknallte Teenager haben ihn zu ohrenbetäubenden Beats aus seinem Zuschauersessel auf die Bühne gezerrt. Die Jugendlichen sind kreischend im Off verschwunden und haben ihn allein im Rampenlicht stehen lassen. Nun weiß er nicht, wo er sich lassen soll, und tritt unter den mitfühlenden bis hämischen Blicken des Publikums den Rückzug ins vermeintlich sichere Halbdunkel des Saals an.
In Wim Vandekeybus’ neuer Produktion «Radical Wrong» ist kein Entrinnen. Die Eingangsszene entwickelt sich zum Running Gag.
Immer mal wieder stürzen die Akteure wie Raubvögel auf einen Zuschauer und überlassen ihre Beute dann auf der Bühne sich selbst. Jeder wird – so oder so – angequatscht, angefasst, angemacht. Über die Angst oder auch nur das mulmige Gefühl, als Nächster dran zu sein, sichert der belgische Regisseur und Choreograf eine gespannte Aufmerksamkeit über gut 90 Minuten.
Bei der Uraufführung im Rahmen von «Krokus-festival» im belgischen Hasselt entfesselt Vandekeybus das Chaos. Mal wieder. Szene um Szene montiert er hintereinander. So schnell, so fließend, dass die Übergänge kaum bewusst werden. Künstler sind Crashtest-Dummys, die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Mai 2011
Rubrik: produktionen, Seite 12
von Bettina Trouwborst
Markt
Bevor du dein Stück zu verkaufen versuchst, könntest du dir die folgenden Fragen stellen: Was erwarte ich mir persönlich von meinem Stück? Wessen Meinung ist mir wichtig? Mit welchen Künstlern identifiziere ich mich, und wie schaffen sie es zu überleben? Wie sieht der Markt aus meiner Perspektive aus? Wie groß ist die Notwendigkeit für mich, ein bestimmtes...
Die Kathedrale von Notre-Dame in Paris sieht man schemenhaft gemalt im Hintergrund. Quasimodo, der bucklige Glöckner, hat hier eine bessere Statistenrolle, die schöne Zigeunerin Esmeralda muss natürlich nicht sterben, sondern wird zum Happy End mit ihrem blonden Hauptmann Phœbus vereint. Im stark romantisierten Paris der Ballettbühne versinkt Victor Hugos...
Kaum ein Ballettbuch wird im angloamerikanischen Sprachraum so diskutiert wie Jennifer Homans’ «Apollo’s Angels». Was von der ehemaligen Tänzerin und Kritikerin des «New Republic» natürlich beabsichtigt war – und sogleich ihrer provokanten, nach reichlich 500 überlegen recherchierten und formulierten Seiten als Knaller gebotenen Schlussthese widerspricht:...
