Prisca Zeisel als Myrtha in «Giselle», Foto: Wilfried Hösl
Prisca Zeisel
Sie fällt auf, denn sie hat ein Gesicht, keine hübsche Larve. Die Myrtha, das war heuer Prisca Zeisels erstes großes klassisches Rollendebüt am Bayerischen Staatsballett. Bereits im März ist die 22-Jährige zur Solistin befördert worden. Sie schlug einen sofort als eine Wilis-Königin von gläsern-unnahbarer Schönheit mit gefrorenem Herzen in ihren Bann. Schon davor aber brillierte sie, da war sie noch Halbsolistin, in «Spartacus» als Aegina, als Gespielin des Crassus, die ihre Reize eiskalt berechnend einsetzt.
Das sei die bisher tollste Rolle für ihre Entwicklung gewesen, schwärmt sie: «Da konnte ich eine andere Seite von mir zeigen.» Sie mag es, in sich Verborgenes auszuspielen, das im wahren Leben nicht zu Tage tritt, und schlussfolgert: «Die Bösen haben’s besser.» Die gebürtige Wienerin wechselte ja zum Ballett, weil sie sich über eine Rolle ausdrücken und etwas erzählen will.
Igor Zelensky hat die extrem schlanke, hochgewachsene 22-Jährige auf ihre Bewerbung hin sofort engagiert. Er sah wohl nicht nur ihre Begabung, sondern auch die unvermutete Kraft, die sie als Kunstturnerin erworben hat. Bereits mit eineinhalb Jahren hat sie begonnen zu turnen wie ihre vier älteren Brüder, und mit drei Jahren den ersten Wettkampf gewonnen. Und offenbar auch enorme Selbstsicherheit und technische Stärke dazu. Ausgebildet an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper, holte sie sich den entscheidenden Schliff in Monte Carlo und bei Rosella Hightower in Cannes. Mit 15 bekam sie ihr erstes Engagement beim Wiener Staatsballett. Doch dann lockte mit Zelensky in München ein Neubeginn. Sie hat die Chance bisher bestens genutzt und ist wohl noch für viele Überraschungen, auch in modernen Stücken, gut. In der kommenden Spielzeit aber tanzt Prisca Zeisel wahrscheinlich erst einmal ihre erste «weiche» Rolle: die Julia. Sie wird gut hineinpassen in Crankos Inszenierung, sieht sie doch aus wie aus einem Renaissance-Gemälde entsprungen, hellhäutig, rötlich-blondes Haar, kreisrunde braune Augen. Und so gar nicht niedlich.
Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Hoffnungsträger, Seite 185
von Eva-Elisabeth Fischer
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