Prag: John Cranko «Schwanensee»
Wer kennt schon Václav Reisinger? Im Zusammenhang mit seiner «Schwanensee»-Einstudierung tut das Prager Nationaltheater deshalb gut daran, im Programmheft wie auch mit einer Ausstellung an den tschechischen Choreografen zu erinnern. Schließlich war er es, dem der angebliche Misserfolg der Moskauer «Schwanensee»-Uraufführung 1877 angelastet wird: angeblich, weil die für damalige Verhältnisse hohe Zahl von 27 Vorstellungen eher für das Gegenteil spricht.
Kateřina Hanáčková und ihre Kollegen vermuten vielmehr eine politisch motivierte Verurteilung, und das aus einem ganz banalen Grund: Die Kritiker hielten Reisinger für einen Deutschen – und das war damals alles andere als opportun, solange sich zur selben Zeit im fernen Bulgarien Russen und Osmanen (Letztere mit deutscher Rückendeckung) heftige Fehden lieferten.
Der Witz an der Geschichte: Der erste Ballettdirektor des Nationaltheaters war insofern ein Deutscher, als mit einer Ballerina aus Stuttgart verheiratet war, wo wiederum jener «Schwanensee» ursprünglich vorgestellt wurde, der jetzt in Prag zu sehen ist: eine rundum beglückende Aufführung nach Maßgabe von John Cranko. Der wiederum orientierte sich 1973 am Nachfolgemodell von ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz August/September 2019
Rubrik: Kritik, Seite 46
von Hartmut Regitz
Wer vermeintlich chancenlos ist, setzt gerade in Krisenzeiten manchmal gemeinsam ungeahnte Produktivkräfte frei. Das gilt auch für traditionell eher schwergängige Institutionen mit eingeschliffenen Gewohnheiten – Theater eben. Zumal solche, die, von ihren dauerklammen Trägern kurz und kürzer gehalten, schon so gut wie abgeschrieben sind. Häuser wie das Volkstheater...
Carsten Jung entschuldigt sich: Er müsse sein Handy während des Gesprächs anlassen, es könne sein, dass die Arbeitsagentur anrufe. Der Tänzer hat sich arbeitssuchend gemeldet, weswegen er ständig erreichbar sein muss. Prosaischer kann ein Interview nicht beginnen, symbolträchtiger allerdings auch nicht: Jung ist nicht irgendwer, sondern Erster Solist an John...
Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Jérôme Bel mit «Nom donné par l’auteur» begann, Tanzgeschichte zu schreiben. Ab 1994 setzte sich der ehemalige Tänzer der Kompanie von Angelin Preljocaj in seinen Stücken mit theoretischen Fragen auseinander, insbesondere mit der Beziehung zwischen Autor, Werk und Zuschauer. Die einen befanden, Bel erweitere den Blick auf den...
