Olga de Soto

In «histoire(s)» (Erinnerungen an «Le jeune homme et la mort») konfrontiert Olga de Soto als Choreografin den Tanz mit einer mehr reflexiven Annäherung an den Tanz. Auf scheinbar einfache Weise erzählt dieses Stück alles über die Anziehungskraft von Tanz als Erinnerungsarbeit

Tanz - Logo

Tanzvorstellungen sind flüchtig. Jeder Tanzliebhaber weiß, dass Details eines Stücks manchmal schon nach einigen Stunden verflogen sind. Monate oder Jahre später bleibt auf dem Grund der Erinnerung oft nur der Bodensatz einer Stimmung, eines persönlichen Gefühls oder eines auffälligen Details. Natürlich halten Rezensionen und Betrachtungen etwas von dem fest, was auf der Bühne zu sehen war, aber auch das sind nur nachträgliche Interpretationen.

Sie spiegeln vor allem wider, was sich zwischen Bühne und Zuschauerraum abspielte, wie die Vorstellung auf den Zuschauer wirkte, und nicht, wie sie tatsächlich aufgebaut war. Sogar eine Videoaufnahme kann diese Wirklichkeit niemals wieder herstellen. Jede Aufzeichnung versetzt den Zuschauer in eine passive Rolle: Die Wahl von Blickrichtung oder Fokus geschah durch den Regisseur, sodass die Beteiligung am Film geringer ist als im Theater. Eine Aufzeichnung verändert auch die Art des Geschehens: ein Bild, aufgebaut aus Pixels, ersetzt lebendige Körper, mit all ihren unbestimmten, kleinen, aber so wichtigen Details. Das führt zu einem qualitativ anderen Sehverhalten. Und schließlich, der Eventcharakter einer Vorstellung ist verschwunden: als ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz August/September 2005
Rubrik: Forgotten Memories, Seite 32
von Pieter T’Jonck

Vergriffen
Weitere Beiträge
Es ist gar nicht so traurig, dass der Tanz so vergänglich ist

Tanzsammlungen in Deutschland gibt ­es relativ viele. Aus historisch guten Gründen sind manche Hinterlassenschaften wie die von Mary Wigman sowohl im Deutschen Tanzarchiv Köln als auch im Tanzarchiv Leipzig sowie im Archiv Darstellende Kunst der Akademie der Künste in Berlin zu finden. Filmbänder beherbergt überdies das Deutsche Tanzfilminstitut in Bremen. Zu...

Nicht ohne meinen Vater!

Sie gelten als Lordsiegelbewahrerin Ihres Vaters. Ihrer Initiative ist es letztlich zu verdanken, dass nicht nur der «Grüne Tisch» der Nachwelt so authentisch wie möglich erhalten worden ist, sondern auch so frühe Stücke von Kurt Jooss wie die «Pavane auf den Tod einer Infantin», wie «Großstadt» und «Ein Ball in Alt-­Wien». Trotzdem ist Ihre Rolle eigentlich...

MeMoRe

«Erinnerungen, das sind nur Fragmente, die Assoziationen auslösen, einige Brocken, deren Lücken dann die Fantasie ausfüllt.» So spricht kein Neurologe, sondern ein Choreograf, der dann sagt: «Erinnerung bilden durch Wiederholung die dann entstehenden und gestärkten neurologischen Netzwerke, die in einem chaotischen Register nach Wichtigkeit geordnet sind.» Wie nur...