Oldenburg: Antoine Jully «Vanitas»
Das Publikum schaut konzentriert Richtung Bühne. Und als der Vorhang sich hebt, sitzt da: das Ballettensemble des Staatstheaters Oldenburg. Und schaut konzentriert Richtung Pub-likum, streng, ernsthaft, ein wenig spöttisch. Ein Spiegel.
Der Spiegel ist ein zentrales Motiv des «Vanitas»-Gedankens: Er steht für die Vergänglichkeit des Schönen, auch für die Eitelkeit, sich nicht mit dieser Vergänglichkeit abzufinden. Antoine Jullys Choreografie «Vanitas» wird in der folgenden Stunde noch mehrere solcher Motive aufrufen, das verlöschende Kerzenlicht, die verblühende Rose.
Das sind Querverweise zum bildungsbürgerlichen Wissen, die den Abend inhaltlich erden, im Tanz allerdings wie Fremdkörper wirken. Der Tanz nämlich ist bei Jully weniger lexikalisch als sinnlich: Aus dem ruhigen Sitzen schält sich ein Dehnen, ein Strecken, plötzlich beginnt eine kollektive Bewegung, eine Welle, und dass die nicht ganz synchron läuft, mag als kleine handwerkliche Ungenauigkeit der Choreografie gelesen werden. Aber sie fällt nicht wirklich ins Gewicht. Das macht die große Qualität von «Vanitas» aus.
Jully befreit sich hier von den Konventionen perfekt vollführter Bewegung: nicht bilderstürmerisch, aber ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz April 2020
Rubrik: Kritik, Seite 40
von Falk Schreiber
Monatelang, seit dem 17. Oktober 2019, haben die Menschen gegen ihre Regierung und die Zentralbank gekämpft, auf den Straßen von Beirut und in den Theatern entlang der Mittelmeerküste. Die libanesischen Bühnen riefen den Kulturstreik aus, schlossen ihre Häuser. Aktivisten pumpten braune Fäkalien an die weißen Wände der Regierungsgebäude. Es gab Tränen, wegen des...
Waschmaschine, Mikrowelle, Trockner, Fernseher, Computer: angeschaltet, können sich ihre Geräusche summieren, und im Staatstheater Braunschweig geschieht genau das. Mit der Zeit schwillt der kollektive Klang der vorgestellten Gerätschaften ohrenbetäubend an; das Rattern und Rauschen will kein Ende nehmen. Kein Wunder, dass sich die neun Tänzer und Tänzerinnen...
Es läuft wie am Schnürchen für den norwegischen Theatermacher Alan Lucien Øyen. Nach Abschluss seiner Tanzausbildung 2001 an der Osloer Kunsthøgskolen gründete er mit dem britischen Autor Andrew Wale 2006 seine eigene Kompanie Winter Guests. Heute wird er von Theater-, Tanz- und Opernkompanien wie etwa dem Tanztheater Wuppertal oder – aktuell – der Opéra National...
