Oldenburg: Antoine Jully «Vanitas»

Das Publikum schaut konzentriert Richtung Bühne. Und als der Vorhang sich hebt, sitzt da: das Ballettensemble des Staatstheaters Oldenburg. Und schaut konzentriert Richtung Pub-likum, streng, ernsthaft, ein wenig spöttisch. Ein Spiegel.

Der Spiegel ist ein zentrales Motiv des «Vanitas»-Gedankens: Er steht für die Vergänglichkeit des Schönen, auch für die Eitelkeit, sich nicht mit dieser Vergänglichkeit abzufinden. Antoine Jullys Choreografie «Vanitas» wird in der folgenden Stunde noch mehrere solcher Motive aufrufen, das verlöschende Kerzenlicht, die verblühende Rose.

Das sind Querverweise zum bildungsbürgerlichen Wissen, die den Abend inhaltlich erden, im Tanz allerdings wie Fremdkörper wirken. Der Tanz nämlich ist bei Jully weniger lexikalisch als sinnlich: Aus dem ruhigen Sitzen schält sich ein Dehnen, ein Strecken, plötzlich beginnt eine kollektive Bewegung, eine Welle, und dass die nicht ganz synchron läuft, mag als kleine handwerkliche Ungenauigkeit der Choreografie gelesen werden. Aber sie fällt nicht wirklich ins Gewicht. Das macht die große Qualität von «Vanitas» aus.

Jully befreit sich hier von den Konventionen perfekt vollführter Bewegung: nicht bilderstürmerisch, aber ...

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Tanz April 2020
Rubrik: Kritik, Seite 40
von Falk Schreiber