Neue Horizonte
Dass Körper nie nur Eines sind, ist nicht nur ein Erfahrungswert, sondern auch ein kulturtheoretischer Topos. Es gibt den ausschließlich tanzenden oder politischen, den ganz und gar sozialen oder den nur natürlichen Körper nicht, weder in der Theorie noch in der Lebenswelt. Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts setzt sich das Denken explizit mit der Tatsache auseinander, dass unser körperliches In-der-Welt-Sein kein rein physisches, sondern ein immer mehrfach kodiertes ist.
Körper, so begann die Psychoanalyse zu zeigen, sind imaginär besetzt und von Erinnerungsspuren durchzogen; gleichzeitig sind sie sozial kodifiziert. Der Soziologe und Anthropologe Marcel Mauss beschreibt 1934 in seinem wegweisenden Aufsatz «Les techniques du corps» (Körpertechniken), wie alltägliche Bewegungspraktiken – sei es das Hocken, sei es das Gehen oder Marschieren – keinesfalls angeboren sind, sondern kulturell erlernt werden. Sie weisen deswegen in unterschiedlichen nationalen und historischen Kontexten auch unterschiedliche Merkmale auf, so Mauss. Zeitgenössische theoretische Ansätze, die sich mit den Identitätskategorien Race, Class, Gender, (Dis)ability und ihren Intersektionen befassen, ...
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Tanz Jahrbuch 2026
Rubrik: Komplizen, Seite 60
von Lucia Ruprecht
Es war Anfang Juni, als die Alarmglocken der Kulturszene schrillten. Im Süden von Paris, ein paar Metrostationen vom Bahnhof Montparnasse entfernt, liegt der Vorort Vanves. Die kleine Stadt hat ein Theater, das seit 30 Jahren ein Festival mit dem komplizierten Namen «Artdanthé» organisiert: «Art, danse, théâtre». Aber schon seit Langem zeigt man dort zu 90 Prozent...
Was war betörend, beglückend – oder ein Ärgernis? 34 professionelle Beobachter*innen haben das Tanzgeschehen der Saison 2025/26 verfolgt und notiert, was aus ihrer Sicht wichtig war. Um die Dynamik der Szene und der Spielzeit abzubilden, gilt die Spielregel: fünf Nennungen führen in den Einzelkategorien zur Auszeichnung, für Glanzlicht und Glanzpunkte wird über...
Extrem lebendig und weithin praktiziert, dabei strukturell instabil und kaum als Arbeit anerkannt: In Buenos Aires führt der Tanz schon seit Langem ein widersprüchliches Dasein. Ohne ein nationales Tanzgesetz, das grundlegende Arbeitsrechte garantieren könnte, bleiben die Arbeitsbedingungen äußerst prekär. Und doch: Noch immer kommen wir in Studios, Kulturzentren,...
