Montpellier: Maguy Marin «Ligne de crête»

Tanz - Logo

Viele würden die Metapher vom Tanz auf dem Vulkan bemühen. Da sind der Klimawandel, die Wiederkehr von Populismus, Abschottung und Kriegsgefahr sowie die Gewalt sozialer Ungleichheit. Doch die Reichen dieser Welt tanzen weiter, wie auf der Titanic. Maguy Marin hat das alles abgearbeitet, in ihrem vorherigen Stück, «DEUX MILLE DIX SEPT». In Großbuchstaben. Sie kann also die Ursachenforschung in Angriff nehmen. Und sie lässt sich dazu ein unerwartetes Bild einfallen: die Scheitellinie, den Bergkamm, eben «Ligne de crête». Der Titel verspricht Zittern, Spannung und Dramatik.

Wenn wir auf dem Bergkamm wandeln, kann in jedem Moment alles kippen und vorbei sein. Nervenkitzel pur. 

Aber was kredenzt Marin? Ein Epos, so geradlinig und vorhersehbar wie noch keines aus ihrem Hause. Mit Absicht. Denn die Stoßrichtung von «Ligne de crête» ist nicht der Thriller, sondern die Soziologie. Wie steht es heute um unser Begehren, unsere Leidenschaft? Sind wir eigentlich noch wir selbst? «Ligne de crête» ist ein choreografischer Gruß an Frédéric Lordon, Vordenker der Bewegung «Nuit Debout», die 2016 von Paris aus versuchte, der Demokratie neuen Atem einzuhauchen, ähnlich wie Podemos in Spanien. 

Mag ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Februar 2019
Rubrik: Kritik, Seite 40
von Thomas Hahn

Weitere Beiträge
Highlights 2/19

Lausanne: Swiss Dance Days

Die Schweiz zeigt das «Best-of» ihres zeitgenössischen Tanzschaffens diesjährig unter dem Motto: «La -Suisse n’existe pas!». Der Slogan,1992 geprägt durch den Schweizer Fluxus-Künstler Ben Vautier, betont wohl kaum den nationalistischen, mehr den verspielten Anspruch, den so bekannte Erfolgsproduktionen wie «Fun!» von Lea Moro (tanz...

Screening 2/19

Eyal & Neumeier

Größer könnte der Unterschied kaum sein: Sharon Eyal macht wuchtige Techno-Kreationen für kraftstrotzende Leiber, John Neumeier bevorzugt klassische Linien für elegante Ballettkörper. Am 23. Februar werden die israelische Choreografin und ihr Kollege hintereinanderweg mit filmischen Porträts gewürdigt, die Einblick in ihre Arbeit, ihr Denken und...

Erste Hilfe

Frau Barandun, Sie haben einen sehr überzeugenden Leitfaden zur «Ersten Hilfe für die Künstlerseele» verfasst. Was macht Künstlerseelen therapiebedürftig?
Weniger therapie- als unterstützungsbedürftig. Bühnenkünstler versuchen, im Spannungsfeld zwischen Rolle und Sein gesund zu bleiben. Sie müssen feinfühlige Künstler sein, die die eigene Persönlichkeit, den...