Marys Aufbruch

So sehr der «freie Tanz» sich vom Ballett auch absetzen wollte, in Wahrheit ist er noch romantischer als die Romantik selbst.

Tanz - Logo

Ihr Geburtsjahr 1886 sieht zwei romantische Fixsterne verglühen. Im Starnberger See ertrinkt unter rätselhaften Umständen der Märchenkönig Ludwig II., in Bayreuth schließt Franz Liszt, der Schwiegervater Ri-chard Wagners, für immer die Augen. Derweil spitzt ein ehemaliger Wagner-Fanatiker schon die Feder zum Sockelstoß: «Ist Wagner überhaupt ein Mensch? Ist er nicht eher eine Krankheit?», fragt Friedrich Nietzsche 1888, gerade noch an der Schwelle zur geistigen Umnachtung.

Dem Mädchen aber, das zwei Jahre zuvor in Hannover zur Welt gekommen ist, weist der Philosoph die Richtung: «Nur im Tanze weiß ich der höchsten Dinge Gleichnis zu reden». Es ist der Schlüsselsatz, den Mary Wigman seinem «Also sprach Zarathustra» ablauscht und zu ihrer Lebensmaxime erhebt.

Was findet Mary Wigman, geborene Karoline Sofie Marie Wiegmann, vor, als sie nach zwei gescheiterten Verlobungen 1910 beschließt, die Heimat zu verlassen, um in Dresden-Hellerau bei Émile Jaques-Dalcroze rhythmische Gymnastik zu erlernen? Einen Lehrer, der seinerseits bei zwei spätromantischen Koryphäen – Anton Bruckner und Léo Delibes – studiert hat und inmitten eines Vorstadtidylls unterrichtet. In Hellerau säumen schmucke ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2009
Rubrik: Thema, Seite 82
von Dorion Weickmann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Mikhail Baryshnikov

Mikhail Baryshnikov ist immer noch die Nummer eins. Sein unendlicher Mut lässt ihn noch immer neue Risiken eingehen, als fantastischer Tänzer der er ist, egal ob er in dramatischen Stücken des Schweden Mats Ek zusammen mit der großartigen Ana Laguna auftritt oder in Soli arbeitet, die Alexei Ratmansky für ihn schuf, in denen er mit selbstironischer Geste sein...

Tot oder lebendig

Auf der Bühne stellen Sie ja nicht gerade die geflügelten Waldfeen dar, sondern sind von Kopf bis Fuß in Folie eingewickelt. Warum?
François Chaignaud: Es ging uns anfänglich auch gar nicht darum, ein Stück über die Sylphiden zu machen. Der Titel ergab sich während der Arbeit. Der Ausgangspunkt war eine Entdeckung, die uns faszinierte. Wir begannen gerade eine...

Der Spitzenschuh

Der Spitzenschuh ist ein Synonym für das klassische Ballett. Ohne dieses äußerlich zierlich anmutende, in schimmerndem rosa Satin lieblich die eigene Kraft und Komplexität verleugnende Hochleistungswerkzeug wäre nämlich der Spitzentanz unmöglich, mithin die Technik, deren Optik für die Einordnung des Tanzes in die Rubrik «Ballett» entscheidend ist. Ballett erkennt...