Marcos Morau «Wunderkammer»

Berlin

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Unter einer «Wunderkammer» versteht man eine barocke museale Präsentationsform, hervorgegangen aus dem Kuriositätenkabinett: Kunst wurde neben Kultgegenständen gesammelt, Naturobjekte neben Alltagskultur, verbindendes Merkmal war das Außergewöhnliche, die Sensation. Rekonstruierte Wunderkammern gibt es noch unter anderem in Dresden und Wien, sie zu besuchen ist eine eigenartige Erfahrung, weil die Präsentation nicht wie in heutigen Museen auf Analyse setzt, sondern auf Staunen und Überwältigung.

Staunen und Überwältigung sind auch Schlüsselbegriffe für die erste abendfüllende Kreation, die der Artist in Residence Marcos Morau am Staatsballett Berlin entwickelt hat. Seine «Wunderkammer» ist das Nachtleben Berlins, Bars, Clubs und Darkrooms als Gegenwelt zum Alltag, die er in acht teils symbolistisch aufgeladenen, teils konkreten Szenen fasst. Das gut einstündige Stück ist eine Feier von Queerness, devianter Sexualität und disparaten Eindrücken, die gerade durch ihr Nichtzusammenpassen subversive Energie entwickelt. Und wenn Devianz politisch unter Druck gerät, hat solch eine Feier rebellischen Charakter.

Wobei der Blick des spanischen Choreografen auf Berlin ein touristischer bleibt. Natürlich: Es gibt diese Orte und Szenen, die kollektive Bewegung und das Lustgefühl, wenn einzelne Tänzer*innen aus der Kollektivität ausbrechen. Aber so, wie die freudige Adaption disparater Formen, das fluide Spiel mit dem Feuchten, Glitschigen, Weichen hier gezeigt werden, staunt vor allem ein fremder Besucher, was möglich ist mit Körperteilen und Körpersäften.

Sieht tänzerisch allerdings toll aus. Manche werfen Morau vor, er könne nur Gruppenchoreografien, was hier aber ins Leere geht. Weil «Wunderkammer» stark auf den Clubkontext fokussiert, legt der Abend den Schwerpunkt auf den «dritten Körper», auf die Transzendenz des Individuums im gemeinsamen Tanz. Soloszenen sind da nicht vorgesehen, und wo sie doch stattfinden, sind sie entweder bewusste Brüche, oder sie lappen in den Kitsch. Wenn Jan Casier im Vorspiel mit Akkordeon posiert, dann will das anknüpfen an die Vieldeutigkeit des Kabaretts, ist aber auch Klischee. Nichtsdestotrotz reißt der Abend mit, mit Fetisch-Kostümen von Silvia Delagneau, mit einer wandelbaren Bühne von Max Glaenzel, mit energetischer Musik von Clara Aguilar und Ben Meerwein, nicht zuletzt mit einer einfallsreichen Choreografie. Man sollte sich nur über eins im Klaren sein: Eine Wunderkammer ist nicht das echte Leben, sondern ein Museum.

Wieder Schillertheater, 11., 17., 23. April;
www.staatsballett-berlin.de


Tanz April 2026
Rubrik: Kalender, Seite 39
von Falk Schreiber

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